Terror in Paris

Terrorkommando von Saint-Denis war bereit für Anschlag

Die Sicherheitskräfte führen nach der Erstürmung der Wohnung in Saint-Denis einen Verdächtigen ab. Sie werden verdächtigt einen Angriff aufs Geschäftsviertel La Défense geplant zu haben.Jacky Naegelen/reuters

Die Sicherheitskräfte führen nach der Erstürmung der Wohnung in Saint-Denis einen Verdächtigen ab. Sie werden verdächtigt einen Angriff aufs Geschäftsviertel La Défense geplant zu haben.Jacky Naegelen/reuters

Sicherheitskräfte haben ein Terrornest in der Pariser Vorstadt ausgehoben – im letzten Moment.

Die Einwohner von Saint-Denis brauchten am Mittwochmorgen keinen Wecker. Das Stakkato von Sturmgewehren und automatischen Waffen, unterbrochen von schweren Detonationen, riss sie zehn Minuten vor fünf brutal aus dem Schlaf. «Es wurde wie wild geschossen, mit Waffen ganz unterschiedlichen Kalibers, es war wie Krieg, wie eine Guerilla-Operation, die nicht mehr aufhören will», meinte am Radio ein Bäcker aus der Fussgängerzone des Stadtzentrums, der gerade seine Croissants zubereitete.

Hausmauern entlang

Eine Anwohnerin in der Rue de la République schaute zum Fenster hinaus und sah, wie sich Patrouillen dunkel gekleideter, vermummter Elitepolizisten mit äusserster Vorsicht, aber zielsicher den Hausmauern entlang bewegten. Als die Frau fragte, was sie tun solle, rief ihr einer zu: «Hände hoch. Wenn Sie sich bewegen, schiessen wir.» Das erzählte später ein Nachbar namens Christian.

Auch an der Hausnummer 8 der Rue du Corbillon liessen sich die Polizisten nicht auf Verhandlungen ein. Im dritten Stockwerk brachten sie eine Sprengladung vor einer Tür an. Die Explosion gab den Startschuss zu einem stundenlangen Gefecht. Aus dem Wohnungsinnern kamen sofort Schüsse zurück; die Polizei setzte ihrerseits leichte und schwere Feuerwaffen sowie Granaten ein. Minutenlang hallten Salven durch die Strassen, während Polizisten in den Nachbarstrassen zu den sich öffnenden Fenstern hochschrien: «Fenster zu! Rollläden runter!»

Abgeknallter Kampfhund

Während der Feuerpause schickte die Eliteeinheit BRI in der Rue du Corbillon einen Kampfhund in die Wohnung. Als er über die Schwelle sprang, wurde er abgeknallt. Wieder kehrte im Viertel eine prekäre Ruhe ein. Kurz vor 6 Uhr ein neuer Angriff, dann eine starke Explosion. Wie sich nachher herausstellte, hatte sich eine Frau mit einem Gürtel voll Sprengstoff in die Luft gejagt. Ein Novum selbst für die an vieles gewöhnten BRI-Spezialisten, ein Novum auch für Frankreich.

Jetzt setzten die Angreifer Schreckgranaten ein, um die verbliebenen Schützen aus der Deckung der zertrümmerten Wohnung zu locken. Um halb acht Uhr legte sich wieder gespannte Stille über die Gassen des einstigen Dorfes Saint-Denis, in dessen Kathedrale die französischen Könige begraben sind – und dessen Stadtzentrum zu den «heissesten» Banlieue-Zonen bei Paris gehört. Nochmals Schüsse; dann verliessen Dutzende von Polizisten das Haus mit zwei festgenommenen Männern.

Die Bevölkerung wurde mit Lautsprechern aufgefordert, in den Häusern zu bleiben. Betroffen waren 15 000 Anwohner im Stadtzentrum von Saint-Denis. Mittlerweile waren die Live-Kameras der Newssender eingetroffen. Eine verschleierte Frau namens Sabrine hielt verschreckt den islamischen Schleier vor die Mundpartie und erzählte mit grossen Augen, wie sie mit ihrem Baby den Sturmangriff erlebt hatte: «Wir sahen die Kugeln des Leucht- und Laserfeuers, hörten Detonationen. Unsere Wohnungsmauern zitterten.»

Saint-Denis: Schiesserei bei Fahndung nach Paris-Attentätern

Saint-Denis: Schiesserei bei Fahndung nach Paris-Attentätern

Studio vermietet – Festnahme

Dann berichtete ein Mann in Lederjacke in die Mikrofone, er habe das attackierte Studio ein paar Leuten für drei Tage vermietet, wisse aber von nichts. Seine Freundin bestätigte. Was nicht auf den Kameras zu sehen ist: Kurz danach wurde das Paar von der Polizei unsanft verhaftet.

Dann ging die Kommandooperation langsam zu Ende. Insgesamt gab die Polizei 5000 Schuss ab. Die personelle Bilanz, abgesehen von fünf verletzten Polizisten und einem erschossenen Hund: Zwei Verdächtige tot, acht verhaftet. Sie sollen an der Organisation der Terroranschläge von letztem Freitag in Paris (132 Tote, 352 Verletzte) beteiligt gewesen sein.

Vor allem ihr Kopf Abdelhamid Abaaoud, dem die ganze Operation galt. Der 28-jährige Belgier, seit Freitag der meistgesuchte Mann Europas, war zuerst in Syrien vermutet worden, wo er einen hohen Posten in der Terrormiliz belegte. Abgehörte Telefongespräche brachten die Polizei dann auf seine Spur in Saint-Denis. Wie Staatsanwalt François Molins an einer Pressekonferenz erklärte, waren die Verhafteten «bereit» zu weiteren Anschlägen.

Am Mittwochmorgen kommt es im  Pariser Vorort Saint-Denis zu einer Schiesserei

Am Mittwochmorgen kommt es im Pariser Vorort Saint-Denis zu einer Schiesserei

Hollande: «Wir sind im Krieg.»

Abaaoud ging der Polizei nicht ins Netz. Weiterhin gesucht wird auch sein Freund Salah Abdeslam, einer der Attentäter von Paris. Die zwei gelten als äusserst gefährlich. Staatspräsident François Hollande erklärte nach dem Ende der siebenstündigen Polizeiaktion, diese bestätige, «dass wir im Krieg sind».

An einer Konferenz mit 2000 Bürgermeistern, die rot-weiss-blaue Schärpen trugen und die Marseillaise anstimmten, gedachte der Präsident auch der Einwohner von Saint-Denis: «Ich kann mir vorstellen, welche Angst sie ausgestanden haben, und ich würdige ihre Kaltblütigkeit.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1