Das sei der einzige Grund, warum die amerikanischen Soldaten während seiner Amtszeit überhaupt dort gewesen seien. Trumps Entscheid wirft Fragen auf. Zuvorderst wohl diese:

1. Ist der IS wirklich besiegt?

Endgültig geschlagen, wie Trump am Mittwoch per Twitter suggerierte, ist der sogenannte «Islamische Staat» (IS) in Syrien noch längst nicht. Die Terrormiliz, analysiert die Washingtoner Denkfabrik «ISW», habe ihre Kontrollgewalt in einigen Regionen Syriens gar wiederhergestellt. Überdies wurden mehrere tausend IS-Aktivisten von anderen dschihadistischen Milizen in Syrien angeworben oder kämpfen in einer von Ankara ausgerüsteten Islamisten-Miliz gegen die bislang von den USA unterstützten syrischen Kurden.

2. Wie viele US-Soldaten sind in Syrien derzeit stationiert?

Zwischen 2000 und 5000 amerikanische Soldaten, Militärberater und weiteres Personal befinden sich aktuell in Syrien. Die exakte Zahl ist unbekannt.

3. Wer wären die Leidtragenden vom Abzug der Amerikaner?

Die Kurden. Sie kämpfen wohl am hartnäckigsten gegen den IS. Ohne die schlagkräftige und disziplinierte Kurdenmiliz wäre es der US-geführten Koalition in den letzten vier Jahren niemals gelungen, die Terrormiliz in Syrien und dem Irak derart zurückzudrängen. Doch das scheint Schnee von gestern. Die syrischen Kurden, die gemeinsam mit anderen Milizen die «Demokratischen Streitkräfte Syriens» (SDF) bilden, haben ihre Schuldigkeit getan und werden – wie schon so häufig in ihrer Geschichte – offenbar ihrem Schicksal überlassen. Das schwächt sie nicht nur im Kampf gegen den IS, sondern auch gegen mögliche Angriffe des nördlichen Nachbarn: der Türkei.

4. Welche Rolle spielen die Türken?

Die Kurden im Norden Syriens kämpfen nicht nur gegen den IS, sondern auch für ein eigenes, autonomes Gebiet. Bereits jetzt kontrollieren sie 400 Kilometer der gemeinsamen Grenze mit der Türkei. Dem türkischen Präsidenten Erdogan ist das nah am eigenen Staatsgebiet gelegene kurdisch kontrollierte Gebiet ein Dorn im Auge. Ohne «Aufsicht» der USA dürfte es nun zu vermehrten Kämpfen zwischen der türkischen Armee und den kurdischen Truppen (den Volksverteidigungseinheiten YPG) kommen.

5. Wie reagierte Ankara auf Trumps Ankündigung?

Wenige Stunden nach der Entscheidung von US-Präsident Trump, seine Truppen aus dem Osten Syriens abzuziehen, war der türkische Verteidigungsminister in Feierlaune. Die von Ankara als Terroristen verunglimpften syrischen Kurdenmilizen «können Tunnel graben oder unter Tage gehen». Trotzdem sei die Zeit jetzt «nicht mehr fern, bis wir sie in den Gräben, die sie ausgehoben haben, begraben», drohte Hulusi Akar im katarischen Doha. Zuvor hatte bereits der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan den überraschenden Rückzugsbefehl von Trump als «grünes Licht» zum Losschlagen gegen den verhassten syrischen PKK-Ableger interpretiert.

6. Warum wenden sich die USA nun plötzlich den Türken zu?

Die Türkei wird in Washington wieder als «ein entscheidendes Element unserer Nationalen Sicherheitsstrategie» sowie «entscheidender Nato-Verbündeter an der Kampfesfront gegen den Terrorismus» gefeiert. Zum amerikanischen Sinneswandel beigetragen haben dürfte auch die Entscheidung Ankaras, die Patriot-Raketenabwehrsysteme nun doch von den USA zu kaufen. Für 3,5 Milliarden US-Dollar. Die Genehmigung zur Lieferung der Lenkwaffen war erst am Dienstag ausgestellt worden. Noch ist es unklar, wie eng die USA und die Türkei künftig bei der Terrorismusbekämpfung zusammenarbeiten werden. Ein verlässlicher Partner war Ankara dabei beileibe nicht. Bis 2015 hatte der türkische Geheimdienst den IS logistisch unterstützt und Zehntausende von Dschihadisten aus aller Welt ungehindert über die Türkei nach Syrien und den Irak einreisen lassen.

7. Wer würde von einem US-Truppenabzug ausserdem profitieren?

Neben der Türkei auch Russland, der Iran, das Assad-Regime sowie der IS wären Profiteure von einem Rückzug der amerikanischen Soldaten. Und so warnten selbst Parteifreunde Trumps vor dem Schritt: Ein amerikanischer Rückzug zum gegenwärtigen Zeitpunkt wäre für den IS «ein grosser Sieg», fand der republikanische Senator Lindsey Graham. Die Folgen dieser Fehlentscheidung, so Graham, wären nicht nur für die USA, sondern für die ganze Welt verheerend. Geopolitisch entstünde eine Situation, welche man nicht nur für den IS, sondern auch für Russland, den Iran und das Assad-Regime als ein «Traumszenario» bezeichnen müsse, betont Charles Lister vom «Middle East Institute» in Doha.

8. Wie reagiert die US-Politik auf die Ankündigung des Präsidenten?

Die schärfste Kritik kam, neben Parteifreund Graham, auch vom republikanischen Senator Tom Cotton. Bob Corker, der abtretende Vorsitzende der aussenpolitischen Kommission im Senat, meinte: Er habe es während seiner zwölf Jahre dauernden Amtszeit nie erlebt, dass eine Entscheidung solcher Tragweite ohne vorherige interne Debatten getroffen worden sei. Corker sagte, der Präsident habe sich von «politischen» Motiven leiten lassen und sich plötzlich an ein Wahlkampfversprechen erinnert.

9. Hat Trump bei seinem Entscheid auch Unterstützer?

Der isolationistische republikanische Senator Rand Paul sagte, er sei wie Trump der Meinung, dass die USA nicht länger die Rolle eines Weltpolizisten spielen sollten. Ähnliche Töne schlugen auf Trumps Haussender «Fox News» die einflussreichen Moderatoren Tucker Carlson und Laura Ingraham an. Sie lobten Trump dafür, dass er «Amerika First» in den Vordergrund stelle. Und sie wiesen darauf hin, dass gerade die Kritik demokratischer Aussenpolitiker am Präsidenten heuchlerisch sei. Schliesslich habe Präsident Barack Obama mehr oder minder einen ähnlichen Entscheid getroffen, als er nach seiner Wahl im Jahr 2008 den Rückzug der amerikanischen Soldaten aus dem Irak verkündete.

10. Wie reagiert Europa?

Die französische Armee denkt vorerst nicht an einen Rückzug aus Syrien. Nach dem jüngsten Attentat in Strassburg lässt Paris verlauten, der Kampf gegen IS gehe weiter. «Die Bekämpfung des Terrorismus ist nicht zu Ende», erklärte Europaministerin Nathalie Loiseau. Sie räumte ein, dass die Koalition gegen den IS «gut vorangekommen» sei. «Aber der Kampf geht weiter und wir werden ihn weiterführen», betonte sie. «Fürs Erste bleiben wir in Syrien.» Ähnlich tönte es aus London. «Die internationale Koalition gegen den IS hat grosse Fortschritte erzielt», erklärte ein Sprecher des britischen Aussenministeriums. «Aber es bleibt viel zu tun und wir dürften nicht aus den Augen verlieren, dass der IS auch ohne Territorium eine Bedrohung bleibt.» Stellvertretend für viele Stimmen aus Brüssel meinte der belgische Europaabgeordnete Guy Verhofstadt, der US-Entscheid stelle einen «Sieg für Russland, Iran und die Türkei» dar.