Umweltvorbild

Surren in der City: Wie sich Oslo zur Elektro-Hauptstadt hochkämpfen will

Die «Kongen»: Anfang 2020 sollen die Fähre sowie beide Schwesterschiffe elektrisch fahren.

Die «Kongen»: Anfang 2020 sollen die Fähre sowie beide Schwesterschiffe elektrisch fahren.

In der norwegischen Metropole fährt praktisch alles bald mit Strom. Selbst der Hafen soll CO2-frei werden. Massive Subventionen machten das erst möglich – doch die sind nicht mehr unumstritten.

Lautlos gleitet die «Dronningen» aus ihrem Dock hinaus in den Fjord. Ihr Ziel ist die Halbinsel Nesodden, nur ein paar Meilen entfernt. Es ist die meistfrequentierte Route für Passagierfähren in Norwegen. Die Fähre pendelt zwischen dem Hafen der Hauptstadt Oslo und der Landzunge mehrmals täglich hin und her. 600 Menschen finden auf dem knapp 50 Meter langen Schiff Platz.

Aber warum gibt die Fähre keinen Mucks von sich? Fährt sie elektrisch? «Noch nicht», ruft der Bootsmann des Schwesterschiffes Prinsen von der Reling herab. Das baugleiche Boot liegt nebenan auf dem Anlegeplatz. Gastriebwerke kurbelten die Schiffsschrauben der beiden an – genau wie beim dritten Schiff der Flotte, der «Kongen», erklärt er. Im Herbst jedoch werde mit dem Umbau begonnen, Anfang 2020 seien alle drei mit Elektromotoren ausgestattet.

Das bestätigt Lars Jacob Engelsen. Der Vizechef der Firma Norled, welche die drei Fähren betreibt, hält Strom für die «optimale Lösung für kürzere Überfahrten von Fähren und Schnellbooten». Eine elektrisch betriebene Autofähre, die «Ampere», sei bereits im Sognefjord nördlich von Bergen unterwegs – «die erste emissionsfreie Autofähre der Welt», sagt Engelsen. Bis 2022 sollen der «Ampere» 70 elektrifizierte Geschwister zur Seite stehen.

Zunächst steht aber die Umrüstung der drei Kähne im Hafen von Oslo an. Sobald sie elektrifiziert sind, passen sie hervorragend ins Stadtbild. Denn Oslo mit seinen gut 600 000 Einwohnern ist in den letzten Jahren zur Elektrostadt mutiert. Auf den Strassen surrt es überall. Ein E-Auto nach dem anderen rollt durch die norwegische Hauptstadt. Wie gross der Boom der Batterieautos in Norwegen tatsächlich ist, verdeutlicht eine Zahl aus dem März dieses Jahres: In dem Monat war mehr als jedes zweite zugelassene Auto im Land rein batteriebetrieben.

Emissionsfrei bis 2030

«Der Mobilitätssektor ist die Hauptemissionsquelle in Oslo», sagt Anita Lindahl Trosdahl. Sie verantwortet das Projekt «Oslo Umwelthauptstadt Europas 2019» – die Auszeichnung wird jährlich von der EU-Kommission vergeben, in diesem Jahr an die Metropole am Fjord. Die Einführung umweltfreundlicher Mobilitätslösungen sei für Oslo von entscheidender Bedeutung, «um das Ziel zu erreichen, bis 2030 eine emissionsfreie Stadt zu werden», sagt Lindahl Trosdahl zu dieser Zeitung.

In Oslo selbst parkieren sie dann kostenlos in der Innenstadt, dürfen die Taxispuren nutzen, fahren umsonst auf Mautstrassen und können auf eine rasch wachsende Ladeinfrastruktur zugreifen. «Im ersten Quartal 2019 waren 71 Prozent aller in Oslo verkauften Neuwagen Elektrofahrzeuge», sagt die Projektmanagerin der Umweltstadt. Insgesamt fahre bereits jedes fünfte Privatauto in Oslo elektrisch.

Wäre da nur nicht der Öl-Export

Die Anreize führen allerdings auch zu Problemen. Denn mittlerweile sind so viele E-Autos in Oslo und Umgebung unterwegs, dass die Ladesäulen knapp werden und die Taxispuren verstopfen. Die Regierung gibt daher nun Gegensteuer – und nimmt einige Privilegien zurück. Kommunen dürfen Gebühren neu auch von E-Auto-Lenkern für Fähren, Mautstrassen und Parkplätze erheben.

Am liebsten wäre es der Osloer Regierung indes, wenn die Norweger ganz aufs Auto verzichten und stattdessen ÖV fahren würden. Auch, weil die Hauptstadt rasant wächst: Laut Statistikbehörde werden bis 2030 weitere 100 000 Menschen in Oslo leben. Ziel sei dennoch, erklärt Lindahl Trosdahl, den Autoverkehr auf derzeitigem Stand zu halten: «Jede Zunahme des Reiseverkehrs soll auf öffentliche Verkehrsmittel, Radfahren oder Laufen umgeleitet werden.» Die komplette Innenstadt soll zur autofreien Zone werden. 760 Parkplätze seien bereits abgebaut und stattdessen Plätze und Grünanlagen geschaffen worden.

«Im ersten Quartal 2019 waren 71 Prozent aller in Oslo verkauften Neuwagen Elektrofahrzeuge», sagt Anita Lindahl Trosdahl, Projektmanagerin «Oslo Umwelthauptstadt 2019».

«Im ersten Quartal 2019 waren 71 Prozent aller in Oslo verkauften Neuwagen Elektrofahrzeuge», sagt Anita Lindahl Trosdahl, Projektmanagerin «Oslo Umwelthauptstadt 2019».

Darüber hinaus investiert die Stadt massiv: Als eine der ersten Städte der Welt soll das öffentliche Nahverkehrssystem von Oslo bis 2028 emissionsfrei sein. Bereits im kommenden Jahr werden alle öffentlichen Verkehrsmittel mit erneuerbarer Energie betrieben. 70 neue Elektrobusse schafft die Stadt derzeit an.

Zu den Anstrengungen bei der E-Mobilität passt, dass Norwegen nahezu im selben Umfang erneuerbare Energie – fast komplett aus Wasserkraft – produziert, wie es selbst verbraucht. Einen Schönheitsfehler hat das norwegische Modell indes: Die für Norwegen überlebenswichtigen Öl- und Gasexporte führen zu gewaltigen Emissionen im Ausland.

Praktische Elektroflitzer

Im Land selbst wird jedoch munter verstromt. Trams, Busse, Autos, Fähren – alles wird elektrisch. Am auffälligsten sind derzeit allerdings die kleinsten strombetriebenen Verkehrsteilnehmer: E-Trottinettes. In einigen europäischen Metropolen – darunter Zürich – kurven die Elektroroller bereits herum. In Oslo stehen sie sprichwörtlich an jeder Ecke. Ganze Schwärme von grünen, blauen und orangefarbenen Rollern schlängeln sich durch die Strassen, über Rad- und Gehwege.

Stehen in Oslo an jeder Strassenecke: Elektroroller verschiedener Anbieter.

Stehen in Oslo an jeder Strassenecke: Elektroroller verschiedener Anbieter.

Nach Spass sehen sie zweifellos aus – aber sind die Roller auch praktisch? Wir machen den Selbstversuch. Anbieter gibt es viele, sie heissen Circ, Lime oder Tier. Wir entscheiden uns für Voi, ein schwedisches Unternehmen. App herunterladen, Kreditkarte hinterlegen, und los gehts. Ziel ist ein Restaurant im Norden der Stadt, gut zwei Kilometer vom Zentrum entfernt.

Was zuerst auffällt: Mit 20 Kilometern pro Stunde durch die Stadt zu fegen, macht tatsächlich grosse Freude. Zum Konzept der Trottis gehört, dass man seines nach Gebrauch an einem beliebigen Ort in der Stadt abstellt. Und die Vielzahl der Anbieter garantiert, dass jederzeit eines fahrbereit herumsteht. Im Selbstversuch erweist sich das Auffinden eines fahrtauglichen Trottis als völlig unproblematisch. Von den Schauergeschichten aus anderen Städten über wild abgestellte Roller und rowdyhaftes Benehmen der Fahrer ist in Oslo nichts zu sehen.

Entspannt geht es mit dem Trotti zurück an den Hafen. Dort hat inzwischen auch die «Prinsen» abgelegt. Nach deren Umrüstung folgen sämtliche andere Fähren, die die Fjordinseln bedienen. Und die noch grösseren Fähren, die Deutschland und Dänemark anlaufen, werden bald nicht mehr von eigenen Dieselgeneratoren versorgt, wenn sie in Oslo anlegen, sondern allesamt mit Strom aus erneuerbaren Quellen. So sollen die Emissionen des Hafens bis 2030 um 85 Prozent reduziert werden – und 20 Jahre später auf null sinken.

Autor

Fabian Hock

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