Während vier Stunden legten etwa 160000 Mitarbeiter der Deutschen Bahn (DB) zwischen fünf Uhr und neun Uhr morgens die Arbeit nieder - mit verheerenden Folgen für Berufspendler und Fernreisende. Auf den Bahnhöfen im gesamten Land herrschte am Montagmorgen Chaos, in Berlin fuhren nicht einmal mehr die S-Bahnen.

Viele Pendler wichen auf das Privatauto aus, auf den Autobahnen im gesamten Land kam es zu unzähligen Staus mit einer Gesamtlänge von über 600 Kilometern. Kurz nach 9 Uhr entspannte sich die Lage, doch mit Verspätungen und Zugausfällen wurde für den gesamten Montag gerechnet. Laut den SBB waren auch Verbindungen in die Schweiz betroffen. „Wenn der Fahrplan erst einmal durcheinander ist, dauert das eine Weile, bis alles wieder läuft“, erklärte ein Sprecher der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Fahrgäste müssen ganzen Tag mit Behinderungen rechnen

Fahrgäste müssen ganzen Tag mit Behinderungen rechnen

In grossen Teilen des Landes herrscht Verkehrschaos, der Fernverkehr steht komplett still und auch viele Regionalbahnen fahren nicht mehr.

Die EVG hatte zum Streikt aufgerufen, nachdem Verhandlungen mit der Deutschen Bahn unter anderem über Lohnerhöhungen für die insgesamt vom EVG vertretenen 160'000 Bahnmitarbeiter am Samstag gescheitert waren. Die Gewerkschaft kündigte an, erst wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren, wenn die Bahn ein verbessertes, schriftliches Angebot unterbreitet. Die EVG behielt sich weitere Warnstreiks noch vor Weihnachten vor.

„Wir erwarten von der Bahn ein substantiell besseres Angebot“, sagte EVG-Sprecher Uwe Reitz. Ansonsten müsse man „mit Warnstreiks in den nächsten Tagen rechnen.“ Die Bahn hingegen sprach von einer „völlig überflüssigen Eskalation“, die Bahn habe in den Tarifverhandlungen ein deutlich verbessertes Angebot für die Mitarbeiter auf den Tisch gelegt.

Nur 70 Prozent der Fernzüge sind pünktlich

Der Streik trifft die Bahn hart - seit Monaten ist der zu 100 Prozent dem Staat gehörende Konzern in den Negativschlagzeilen. Vor allem im Fernverkehr hat der Staatskonzern ein Imageproblem. Die Pünktlichkeit der Fernzüge lag im November bei 70,4 Prozent, ein historisch schlechter Wert. Der Grund für die mangelhafte Pünktlichkeit sind die vielen nicht einsatzbereiten Züge. „Etwa 20 Prozent unsrer ICEs sind nicht in Betrieb, weil sie nicht entsprechend gewartet werden können“, zitiert die „Welt“ einen Bahnmitarbeiter. Oftmals kommt es zudem zu Störungen des Betriebsablaufs, laut der Zeitung braucht der Konzern bis 2023 elf Milliarden Euro zusätzlich, um das Schienennetz und die Züge in Schuss zu halten.

Zu schaffen macht der Bahn auch ein Mangel an Fachkräften - es fehlen Ingenieure, Lokführer, aber auch Zugbegleiter. Der Konzern reagiert darauf mit einer unkonventionellen Methode. Angehende Lehrlinge können seit diesem Herbst auf ein offizielles Bewerbungsschreiben verzichten, über eine Onlineplattform reicht es, Lebenslauf und Schulzeugnisse einzureichen. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen“, erklärte vor einigen Wochen Carola Hennemann von der Personalabteilung der Deutschen Bahn. „Für Schüler ist ein Motivationsschreiben schon schwierig“, sagt sie weiter. Die Motivation der angehenden Lehrlinge werde in einem persönlichen Gespräch noch einmal überprüft.

Kritik an Preiserhöhungen

Aufgrund der immer wiederkehrenden Betriebsausfälle und der sinkenden Pünktlichkeit stossen die von der Bahn angekündigten Preiserhöhungen auf umso heftigere Kritik. Im Fernverkehr sind die Ticketpreise zum neuen Fahrplan im Durchschnitt um 1,9 Prozent gestiegen, auch Bahnfahrten im Regionalverkehr werden teurer. „Schlechte Leistungen und die Anhebung des Fahrpreises passen nicht zusammen und sind nicht akzeptabel“, kritisierte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Das schlechte Image und die hohen Preise würden nicht dazu beitragen, dass die Pendler aus Umweltschutzgründen vermehrt auf den Bahnverkehr umsteigen.