Für einen Mann, dessen historisches Vermächtnis auch 130 Jahre nach seinem Ableben heftig debattiert wird, ist Jefferson Davis überraschend klein. Vielleicht wirkt es aber auch einfach nur so. Schliesslich steht der einzige Präsident, den die sezessionistischen Südstaaten je hatten, vor einer mächtigen, über 20 Meter hohen Säule.

In Rednerpose blickt er über die «Monument Avenue» in Richmond, auch ein Jahr nachdem in den USA ein wüster Streit über die Statuen der umstrittenen Südstaaten-Politiker ausgebrochen war. Die mächtigen Herren der «Confederate States of America», wie sich das von Washington nie anerkannte Land von 1861 bis 1865 nannte, werden bis heute vor allem von rechtsradikalen amerikanischen Kreisen bewundert.

In Denkerpose steht Jefferson Davis da und wirkt vielleicht auch deshalb so klein, weil seine Geste fast niedlich rüberkommt im Vergleich zu der triumphalen Pose, mit der in nächster Nähe der einstige Konföderations-General Robert E. Lee über die «Monument Avenue» wacht.

Das Denkmal von Robert E. Lee zeigt den legendären General, dessen Armee im amerikanischen Bürgerkrieg den regulären Truppen der USA lange Widerstand leistete, hoch zu Ross. Kämpferisch wirkt der Mann, der sich am 9. April 1865 dazu entschieden hatte, die Waffen niederzulegen und ein Ende der Feindseligkeiten mit den USA herbeizuführen.

So unterschiedlich die Statuen der Konföderations-Figuren auch sind: In der emotional geführten Debatte um das Andenken an den Bürgerkrieg, der gegen 750 000 Menschen das Leben kostete, spielen Präsident Davis und General Lee beide eine zentrale Rolle.

Das zeigten die Proteste, die im Sommer 2017 die Demontage ähnlicher Statuen in Charlottesville gefordert hatten. Am Ende der Demonstrationen und Gegendemonstrationen waren drei Menschen tot: die Aktivistin Heather Heyer (32) und zwei Polizisten, die beim Absturz eines Helikopters ums Leben kamen.

Bilder der gewalttätigen Auseinandersetzungen in Charlottesville im Sommer 2017:

Erinnerung an Amerikas Ursünde

In Richmond, der Hauptstadt des Bundesstaates Virginia, dreht sich die Debatte dieser Tage vornehmlich um das Davis-Denkmal. Anfang Juli empfahl eine Kommission, eingesetzt durch den demokratischen Stadtpräsidenten Levar Stoney, das Monument zu entfernen.

Erstens verherrliche die Statue eine Rebellion, die auf der amerikanischen Ursünde basierte – der Versklavung von Menschen aus Afrika. Und zweitens habe der 1808 in Kentucky geborene und 1889 in Louisiana verstorbene Davis, der zu Lebzeiten als Abgeordneter des Bundesstaats Mississippi in Washington sass, herzlich wenig mit Virginia zu tun.

Ein Teil des Denkmals könne auf einen Friedhof in Richmond gezügelt werden, auf dem Davis begraben liege, empfahl die Kommission.

So bestechend dieser Vorschlag auch klingen mag – er ist zutiefst umstritten, aus politischen, rechtlichen, aber auch aus historischen Gründen. Drei Stimmen in einer Debatte, die viel über den Zustand des Landes aussagt.

Toilettenpapier und rassistische Helden

Der Traditionalist: Robert Henley Lamb 

Robert Henley Lamb möchte eines klarstellen: Mit den tumben Rechtsradikalen, die vor einem Jahr in Charlottesville Krawall gemacht hatten, als sie für den Erhalt des Denkmals von Robert E. Lee demonstrierten, hat er nichts gemein.

Trotzdem: Als Mitglied der nostalgischen Südstaatenvereinigung «Sons of Confederate Veterans» muss er das Andenken an die Konföderation quasi von Berufs wegen hochhalten. Daneben aber präsentiert sich der Anwalt als weltoffener Intellektueller. In der Sache ist der begabte Geschichtenerzähler, dessen Vorfahren zu den ersten Kolonialisten in Virginia gehörten, allerdings pickelhart.

Den Vorschlag der «Monument Avenue»-Kommission, die Statue von Jefferson Davis zu entfernen, nennt er «ärgerlich». Die Idee zeuge von «bodenloser Ignoranz». Denkmäler sollten nicht einfach verschoben werden, weil sie nicht mehr dem Zeitgeist entsprächen.

Geschichte lasse sich nicht umschreiben. Vielmehr müssten auch künftige Generationen mit den Porträts von General Lee oder Präsident Davis konfrontiert werden, damit deren Wirken nicht in Vergessenheit gerate. «Ein Denkmal spricht für sich selbst», sagt Lamb.

Es wäre daher falsch, dem Ratschlag der Kommission zu folgen und die Statuen mit Plaketten zu ergänzen. «Wer bestimmt denn, was auf diesen erklärenden Texten stehen soll?», fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: Die herrschende politische Klasse von Richmond – sprich: die Demokraten –, die «politische Botschaften» verbreiten und diese als Kontext verkaufen wollten.

Ein Graus, findet Lamb. Dann verweist er ausgerechnet auf die Schweizer Botschaft in Washington. In der Residenz des Botschafters ist ein Porträt von Robert E. Lee zu bestaunen, gemalt vom Schweizer Frank Buchser. Das Gemälde entstand im Jahr 1869 und zeigt einen Mann, der mit sich im Reinen ist. So, findet Lamb, müssten die Führungskräfte der Konföderierten Staaten in Erinnerung behalten werden.

Die Politikerin: Kim Gray

Kim Gray ist eine begabte Volksvertreterin. Deshalb spricht die Demokratin, die seit 2017 im Stadtparlament von Richmond sitzt, gerne über Themen, die möglichst viele potenzielle Wähler betreffen. Über die Sanierung der Trottoirs zum Beispiel, auf denen sich Fussgänger immer wieder verletzten.

Kommt die Rede aber auf die Zukunft der Denkmäler an der Monument Avenue, holt Gray tief Luft. Sie sitzt in ihrem Büro in einem gesichtslosen Verwaltungsgebäude und sagt: Natürlich verstehe sie, dass es sich dabei um ein «hochemotionales» Problem handle.

Schliesslich sei sie in Richmond aufgewachsen. Und selbstverständlich sei sie mit dem Rassismus vertraut, mit dem sich Afroamerikaner in der ehemaligen Hauptstadt der Konföderation herumschlagen müssten. Sie beobachtet aber, dass sich die Bevölkerung von Richmond mit «wichtigeren Problemen» herumschlage als mit einigen Denkmälern an einer prächtigen Allee.

Während der Diskussion über die Zukunft der Denkmäler an der «Monument Avenue» jedenfalls habe sie häufig den Eindruck gewonnen, dass es vor allem auswärtige Kreise seien, die Richmond als Projektionsfläche für ihre extremistischen Ansichten nutzten. Als Mitglied der Kommission unterstütze sie selbstverständlich die Empfehlungen der Statuen-Kritiker, sagt sie. Aber eben, es gäbe wichtigere Probleme.

Zum Beispiel den hundsmiserablen Zustand der städtischen Schulen, die letztlich immer noch darunter litten, dass schwarze und weisse Kinder jahrzehntelang getrennt unterrichtet worden sind. So ging kurz vor den Sommerferien in einigen High Schools das Toilettenpapier aus.

Deshalb sagt Gray: «Wenn mir 20 000 Dollar zur Verfügung stünden, würde ich dieses Geld in unsere Schulen investieren und nicht in Verschiebung eines Denkmals oder in eine Plakette, die Auskunft über das Leben von Jefferson Davis geben würde.» Ein Denkmal habe bloss einen symbolischen Wert. Toilettenpapier aber, das sei echt.

Die Museumsdirektorin: Christy Coleman

Christy Coleman schlägt als Treffpunkt das «Wong Gonzalez» vor – ein Restaurant, das sich auf eine Kombination von malaysischer und mexikanischer Küche spezialisiert hat. Eine «wilde Mischung», die gerade im behäbigen Richmond exotisch wirke, sagt die Chefin des lokalen Bürgerkriegsmuseums.

Man kann die Aussage auch als Allegorie sehen. Als Museumsdirektorin ist Coleman zwar vornehmlich damit beschäftigt, den Besuchern ein blutiges Kapitel der amerikanischen Geschichte näherzubringen. Dabei steht die Afroamerikanerin aber mit beiden Beinen in der Gegenwart – in der man auch in Debatten über historische Themen gerne versucht, die Vielfältigkeit des Landes in den Vordergrund zu rücken.

Coleman jedenfalls lässt keinen Zweifel daran, was sie von den Denkmälern für die «Helden» hält. Die Statuen symbolisierten, wie die weisse Herrscherklasse des Südens nach der gescheiterten Rebellion alles darangesetzt habe, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten. Für Afroamerikaner hatte das zur Folge, dass sie auch nach der Abschaffung der Sklaverei Bürger zweiter Klasse blieben.

In anderen Worten: Die Denkmäler verkörpern puren Rassismus. Eine komplette Entfernung der Denkmäler fordert aber auch die Museumsdirektorin nicht, schon allein deshalb nicht, weil dies aus gesetzlichen und politischen Gründen nicht möglich ist. Sowohl der Staat Virginia als auch die Stadt Richmond verbieten den Abriss von Bürgerkriegsmahnmalen.

Vielmehr setzt sich Coleman dafür ein, dass Richmond endlich die ganze Wahrheit über das Leben der einst verehrten Staatsmänner erzählen müsse. Dass das Zeit brauche, sei klar. Aber letztlich führe dieser Weg zum Ziel. Richmond, wie viele andere Metropolen in den ehemaligen Südstaaten auch, habe sich in den letzten Jahren stark verändert und ziehe neue Bewohner und neue Touristen an.

Diesem Wandel müsse die Stadt Rechnung tragen, sagt sie – und nimmt einen weiteren Bissen ihres «mexinesischen» Mittagessens.