Mahnmal

Sollen polnische Weltkriegs-Opfer ein Denkmal kriegen? In Berlin regt sich Widerstand

Wehrmachtssoldaten reissen den Schlagbaum an der polnischen Grenze ein: Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen.

Wehrmachtssoldaten reissen den Schlagbaum an der polnischen Grenze ein: Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen.

Polen hatte im Zweiten Weltkrieg mit am meisten Leid zu erdulden. Jetzt soll in Berlin ein Mahnmal entstehen. Das finden nicht alle gut.

Der Überfall auf Polen am 1. September 1939 war der Beginn des Zweiten Weltkrieges und eines Vernichtungsfeldzuges, den die Welt noch nie gesehen hatte. «Brutales Vorgehen und grösste Härte» hatte Hitler für den Polen-Feldzug von seinen Generälen verlangt.

Polen wurde zum ersten grausamen Experimentierfeld der nationalsozialistischen Rassenpolitik. In keinem Land war die Dimension der Verbrechen vergleichbar. Polen verlor sechs Millionen Menschen, 20 Prozent seiner Bevölkerung, darunter drei Millionen Juden, die in auf polnischem Territorium errichteten Vernichtungslagern wie Auschwitz oder Treblinka ums Leben gekommen waren.

In Berlin erinnern heute einige Denkmäler an die Verbrechen des Dritten Reiches, darunter das Holocaust-Mahnmal. An die Gräuel im Nachbarland Polen wird in Deutschland nicht explizit erinnert – diese Auseinandersetzung findet in allgemeinen NS-Ausstellungen statt.

Abgeordnete drängen auf Polen-Mahnmal

Im allgemeinen Bewusstsein nimmt die deutsche Vernichtungspolitik mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 ihren Anfang. Die barbarischen Verbrechen in Polen sind in der öffentlichen Wahrnehmung oft kaum präsent.

Auf Drängen von mehr als 260 Bundestagsabgeordneten soll in Berlin nun ein Mahnmal errichtet werden, das explizit an die Verbrechen Nazi-Deutschlands am Nachbarn Polen erinnert. Doch die Initiative ist ins Stocken geraten, nachdem Bedenken geäussert worden waren.

Der ehemalige SPD-Abgeordnete und Vorsitzende der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe Markus Meckel erachtet es als «problematisch», der NS-Opfer «nun nach Nationen getrennt zu gedenken». Wer ein Polen-Denkmal errichte, der müsse auch ein Mahnmal für Ukrainer, Weissrussen oder Russen bauen.

In vielen deutschen Köpfen nicht verankert

Nachdem sich auch die deutsche Bundesregierung auf die Seite der Mahnmal-Initiatoren gestellt hat, dürfte es auf einen Kompromiss hinauslaufen: Ein Denkmal für Polen, in unmittelbarer Nähe dazu ein Dokumentationszentrum, in dem die Besatzungspolitik in Europa thematisiert wird.

Dieter Bingen, bis 2019 Direktor des Deutschen Polen-Instituts und Mitinitiator des Mahnmals, hält ein Polen-Denkmal für «überfällig.» Ein solches sei eine notwendige Geste gegenüber einem Land, das von der deutschen Vernichtungspolitik am härtesten getroffen und am längsten besetzt gehalten wurde.

«Wir haben in Deutschland eine traditionelle Marginalisierung und Überheblichkeit gegenüber Polen. Ein Denkmal kann wachrütteln und darauf aufmerksam machen, dass es in Polen zum Zivilisationsbruch mit dem Ziel der Vernichtung einer 1000-jährigen Nation gekommen war. Das ist in vielen deutschen Köpfen nicht verankert.»

Dazu gehöre auch ein Ort der Dokumentation. Ein Denkmal, das an den deutschen Vernichtungskrieg im Osten erinnern soll und auch andere Nationen miteinschliesst, würde seine Wirkung verfehlen, ist der Historiker überzeugt. Zudem sei ein Ort des gemeinsamen Gedenkens an Russen und Polen kaum denkbar, da die Sowjetunion 1939 in Polen zuerst Täter war. «Empathie lässt sich nicht kollektiv zum Ausdruck bringen. Das endet im Nirgendwo und wird die Adressaten nicht finden», sagt Bingen.

Über 50 Prozent wollen Schlussstrich ziehen

Viele Deutsche haben ein ambivalentes Verhältnis zur Erinnerung an die Nazi-Zeit. In einer Umfrage zu 80 Jahre Kriegsende bezeichnet es eine Mehrheit als wichtig, dass sich die Nation heute noch mit den NS-Verbrechen auseinandersetzt. Allerdings geben auch mehr als 50 Prozent an, sie wollten einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen. Die AfD als grösste Oppositionspartei bedient diese Schlussstrich-Mentalität, in dem einzelne Exponenten eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad» fordern.

Der in Warschau lebende Historiker Jacek Lepiarz betont, viele Polen wünschten sich, dass Berlin ihrer Nation gedenkt – und nicht etwa ein Denkmal für alle osteuropäischen Staaten errichtet. «Ein allgemeines Gedenken würde bloss neue Konflikte provozieren», sagt er.

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