Coronavirus

Schweden setzte auf Freiwilligkeit statt auf Verbote – doch der Sonderweg steht vor dem Aus

Gerät immer stärker unter Druck: Schwedens Regierungschef Stefan Löfven.

Gerät immer stärker unter Druck: Schwedens Regierungschef Stefan Löfven.

Hohe Corona-Todeszahlen setzen die Regierung in Stockholm unter Druck. Der schwedische Weg scheint gescheitert.

Schweden hatte auch am Wochenende eine konstant ansteigende Kurve der Corona-Todeszahlen. Nun sind 401 Personen gestorben. Mit 40 Todesfällen auf eine Million Einwohner weist Schweden mehr auf als die Nachbarländer Dänemark (31), Norwegen (12) und Finnland. Und die Kurve steigt steiler an.

Die schwedische Strategie gegen das Virus wird deshalb immer stärker in Frage gestellt. Diese sieht mit offenen Schulen, Grenzen, Restaurants und Fitnesstudios weit weniger restriktive Massnahmen als in fast allen anderen Ländern vor. Nur wer Symptome aufweist, muss zu Hause bleiben, ansonsten sollen Home Office, eingeschränktes Reisen und die Isolation von Risikopersonen als Massnahmen genügen.

Regierungschef spricht von «Tausenden Toten»

Der Epidemiologe Anders Tegnell verteidigt die Strategie gegen Kritik von Medizinern und Medien: Er glaube nicht, dass Schweden damit schlechter fahre als andere vergleichbare Länder. Vielmehr sehe er eine Gefahr darin, ganze Gesellschaften und Wirtschaften zu schliessen. Ein Lockdown, so Tegnell, lasse sich nicht monatelang durchziehen; die schwedische Strategie dagegen schon.

Auch Regierungschef Stefan Löfven verteidigte am Wochenende das Vorgehen der Behörden. Dieses sei das richtige, um die Ansteckung einzuschränken. Gleichzeitig erklärte er, sein Land müsse sich auf «Tausende Tote» einstellen. Sollte sich die Lage weiter verschlechtern, dürfte deshalb auch Schweden umschwenken. Löfvens grün-linke Minderheitsregierung hat beim Parlament mehr Befugnisse verlangt, um schärfere Massnahmen durchsetzen zu können. Bisher sträubt sich allerdings die Opposition.

Dänemark will Restriktionen lockern

Probleme bestehen hauptsächlich in der Region Stockholm. Dort ist der Druck auf die Intensivabteilungen gross, es fehlt an Personal und es gibt Erkrankte in zahlreichen Altersheimen. Ausserdem ist nicht genug Schutzausrüstung vorhanden.

In Dänemark wird die schwedische Strategie besonders kritisch beurteilt. Hier hat die Regierung sehr früh, noch vor der Schweiz, restriktive Massnahmen beschlossen und damit eine flach ansteigende Kurve der Spitaleinlieferungen erreicht. Am Sonntag wurde der 179. Corona-Todesfall gezählt.

Die Regierung hat erklärt, sollten die Zahlen weiterhin gut aussehen, könnten bereits nach Ostern erste Restriktionen gelockert werden. Dies hat auch damit zu tun, dass Dänemark die Eindämmungsstrategie aufgegeben hat. Für die Behörden ist klar, dass ein Grossteil der Bevölkerung früher oder später am Coronavirus erkranken wird – und damit immun wird. Doch mit welchem Tempo dies geschehen soll, darüber ist man mit Schweden stark uneins.

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