Giftgas-Agriff in Syrien

Russland und der Westen streiten über Verantwortung –Moskau nimmt Assad in Schutz

UNO-Sicherheitsrat kann sich nicht auf Resolution zum Giftgasangriff in Chan Scheichun einigen.

Einen Tag nach dem schwersten Giftgasangriff in Syrien seit 2013 ist ein heftiger internationaler Streit entbrannt, wer für das Massaker in Chan Scheichun verantwortlich ist. Das Regime von Baschar al-Assad stritt «kategorisch» ab, mit dem Erstickungstod der bisher 72 Menschen etwas zu tun zu haben. Man habe niemals «irgendwo oder irgendwann» Chemiewaffen eingesetzt und werde das auch in Zukunft nicht tun, hiess es aus Damaskus.

Das russische Verteidigungsministerium behauptete, bei dem syrischen Luftangriff sei eine Bombenfabrik der Rebellen mit «toxischen Substanzen» getroffen worden. Dadurch sei das tödliche Gas freigesetzt worden. Dagegen bezichtigten die Regierungen der USA, Grossbritanniens und Frankreichs die Assad-Luftwaffe der Tat.

Die Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrates zu dem Giftgasangriff endete gestern ohne Ergebnis. Zu einer Abstimmung über eine von den USA, Frankreich und Grossbritannien eingebrachte Resolution kam es erst gar nicht. Im Entwurf wurde der Angriff scharf verurteilt und eine rasche Aufklärung gefordert. Sanktionen sah die Resolution aber nicht vor, sondern drohte diese nur ohne die Nennung von Namen an. In der zweistündigen Debatte machten sich die UNO-Botschafter gegenseitig erneut Vorwürfe, auf die Lage in dem Bürgerkriegsland keine passende Antwort zu finden.

Was für ein Gas war es?

Über das eingesetzte Gas gibt es bislang keine sicheren Informationen. Augenzeugen berichteten von einem fauligen Geruch und einer gelblichen, pilzförmigen Rauchwolke nach dem Einschlag der Rakete. Ärzte erklärten, die Symptome bei den Opfern seien wesentlich gravierender als bei Chlorgasangriffen. Bei Chlor, das in der Vergangenheit vom Regime und den Rebellen eingesetzt worden war, ist die Zahl der Opfer eher gering, weil das Gas an der Luft schnell verdampft. Wenn Menschen sterben, dann meist in geschlossenen Räumen, wie letzte Woche, als nach zwei Chlorattacken auf den Ort Latamnah ein Arzt in einem Behandlungszimmer starb.

In Chan Scheichun dagegen kollabierten zahlreiche Bewohner auf offener Strasse. Helfer fanden ganze Familien tot in ihren Häusern, die im Schlaf überrascht worden waren. 30 der 160 Verletzten wurden in türkische Krankenhäuser überstellt, weil die medizinischen Einrichtungen vor Ort völlig überlastet sind.

Die Opfer zeigten Symptome wie nach einer Vergiftung mit dem Nervengas Sarin. Viele hatten Schaum vor dem Mund oder bluteten aus Nase und Mund. Überlebende mussten sich übergeben, verloren das Bewusstsein und zeigten stark verengte Pupillen. Helfer ohne Gasmasken brachen bei ihrem Einsatz zusammen, nachdem sie mit dem Gift in Kontakt gekommen waren. «Die Symptome deuten nicht auf Chlorgas, aber wir können auch nicht sicher sagen, es war Sarin», erklärte einer der Ärzte gegenüber der Website «Syrian direct». Dazu brauchte man ein Labor und moderne Technik. Die Weltgesundheitsorganisation diagnostizierte als wahrscheinliche Ursache phosphororganische Verbindungen, die in Kampfstoffen wie Tabun, Sarin, Soman und Cyclosarin vorkommen und die Nerven blockieren.

Waffenruhe endgültig vorbei

Die Rebellen in Idlib kündigten derweil Rache an und neue Kämpfe an allen Fronten. Der von Russland, der Türkei und Iran im Januar in der kasachischen Hauptstadt Astana ausgerufene Waffenstillstand war schon zuvor immer brüchiger geworden. Die Rebellenprovinz Idlib wird ständig von syrischen und russischen, aber auch amerikanischen Kampfjets angegriffen. Auch nördlich der Stadt Hama toben schwere Kämpfe, vor denen sich Tausende Menschen nach Chan Scheichun geflüchtet hatten.

Meistgesehen

Artboard 1