Padre Pio

Rom empfängt den Super-Heiligen

In Italien verehren Millionen den 1968 verstorbenen Padre Pio.

In Italien verehren Millionen den 1968 verstorbenen Padre Pio.

In Rom ist der von Millionen Italienern verehrte Volksheilige Padre Pio zu einem mehrtätigen Besuch eingetroffen. Der 1968 verstorbene Kapuziner war wohl ein Scharlatan gewesen – aber die Reliquienschau gilt als erster Höhepunkt des vom Papst ausgerufenen Heiligen Jahres.

Padre Pio ist, wie es sich für einen Star gehört, mit einiger Verspätung am Mittwoch in Rom angekommen. Der von viel Polizei eskortierte Wagenkonvoi mit dem gut erhaltenen Leichnam des Heiligen, der am Morgen im Wallfahrtszentrum San Giovanni Rotondo in Apulien losgefahren war, ist von Tausenden Gläubigen, die an den Strassen Spalier standen, immer wieder aufgehalten worden. Als Padre Pio endlich bei der Römer Kirche San Lorenzo ankam, warteten dort ebenfalls schon unzählige Menschen auf ihr Idol, das schliesslich im Innern der Basilika aufgebahrt wurde.

Der Leichnam des Heiligen befindet sich in einem sargähnlichen, gläsernen Reliquienschrein; die mumifizierten Hände ragen aus der brauen Kapuzinerkutte, ebenso seine Füsse, die noch die alten Mönchsandalen tragen. Das Gesicht dagegen ist aus Silikon nachgeformt worden, inklusive des langen, grauen Bartes. Insgesamt entsteht der Eindruck, als sei Padre Pio erst gerade friedlich eingeschlafen: Er sieht aus wie auf den Heiligenbildern und Statuen, die in Italien allgegenwärtig sind. Normalerweise befindet sich die Ganzkörper-Reliquie in der Krypta der Kirche in San Giovanni Rotondo, seiner ehemaligen Wirkungsstätte.

Publikumsmagnet Padre Pio ist auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus nach Rom überführt worden – zusammen mit dem Heiligen Leopold Mandic, auch dieser ein ehemaliger Kapuzinerpater. Papst Franziskus hat die beiden Heiligen zu Patronen des Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit erklärt, da es sich bei beiden um ausserordentliche Beichtväter  und "herausragende Beispiele für Barmherzigkeit" gehandelt habe. Franziskus wolle mit der Darbietung der beiden Heiligen ein "aussergewöhnliches Zeichen" setzen, betont Kurienerzbischof Rino Fisichella, der Chef-Organisator des Jubiläumsjahres.

Höhepunkt von Padre Pios Gastspiel in Rom wird die feierliche Prozession sein, mit welcher sein Leichnam am Freitag im Beisein des Papstes in den Petersdom überführt wird. In der Basilika wird er dann noch bis zum nächsten Donnerstag bleiben. Für die Zeremonien rund um "Padre Pio Superstar", wie der Heilige von den Medien genannt wird, wurde ein grosses Polizeiaufgebot bereitgestellt: Roms Präfekt hat den Aufwand mit den Sicherheitsmassnahmen beim Empfang von Staatsoberhäuptern verglichen. Insgesamt rechnen die Behörden in den nächsten Tagen mit Zehntausenden zusätzlicher Pilger.

Zu Lebzeiten hatte der 1887 im kampanischen Provinznest Pietrelcina geborene Heilige in Rom und insbesondere im Vatikan deutlich weniger Freunde gehabt als heute. Der Bauernsohn galt lange als Scharlatan. Papst Johannes XXIII. hatte Padre Pio ein "weitreichendes Seelen-Chaos" attestiert und ihm vorgeworfen, mit seinen Anhängerinnen "intime und unanständige Beziehungen" gepflegt zu haben. Posthum wurden auch Padre Pios Stigmata in Frage gestellt: Regelmässige Säure-Bestellungen in der lokalen Apotheke durch den Priester legten den Verdacht nahe, er habe bei seinen gut sichtbaren Wundmalen an Händen und Füssen mit ätzenden Flüssigkeiten nachgeholfen. Padre Pio ist deshalb auch schon als "Säurenheiliger" bezeichnet worden.

Die Wende kam erst mit Papst Johannes Paul II.: Von Karol Wojtyla heisst es, dass er im Jahr 1947 selber nach San Giovanni Rotondo gepilgert sei, um sich von Padre Pio die Beichte abnehmen zu lassen. Bei der Gelegenheit habe ihm der Kapuzinerpriester seine spätere Wahl zum Papst und auch das gegen ihn im Jahr 1981 verübte Attentat prophezeit. Johannes Paul II. gewichtete jedenfalls die millionenfache, glühende Volksverehrung gegenüber Padre Pio stärker als die von seinen Vorgängern geäusserten Zweifel und sprach ihn im Jahr 2002 heilig. Im Sommer 2004 wurde in San Giovanni Rotondo eine gigantische Wallfahrtskirche des italienischen Stararchitekten Renzo Piano eröffnet. Sie wird jedes Jahr von sieben Millionen Pilgern besucht – und ist damit die grösste Wallfahrtsstätte Europas, noch vor Lourdes.

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