Manchmal gerät auch Wladimir Putin ins Schwärmen. «Das neue System ‹Avangard› ist unangreifbar für die heutigen und perspektivischen Antiraketen- und Luftabwehrwaffen des wahrscheinlichen Gegners. Das ist ein grosser Erfolg und ein grosser Sieg.»

Am zweiten Weihnachtsfeiertag befehligte Wladimir Putin persönlich im Moskauer Kontrollzentrum des Verteidigungsministeriums einen Test des neuen strategischen Raketensystems «Avangard». Das Interkontinental-Geschoss startete aus einem Schacht bei Dombarowski im Südural, nach offiziellen Angaben schlug es auf dem knapp 6100 Kilometer entfernten Manövergelände Kura auf Kamtschatka ein. Laut Putin wird man die ersten «Avangard»-Raketen 2019 in Dienst nehmen. «Das ist», so Putin, «ein bemerkenswertes, ein hervorragendes Neujahrsgeschenk für das Land.»

20-fache Schallgeschwindigkeit

Der Präsident hatte die Rakete schon im März bei einer Videoshow während seiner Rede zur Lage der Nation präsentiert, zusammen mit anderen «völlig neuartigen» Kernwaffensystemen. Jetzt feiert auch die Kreml-nahe Öffentlichkeit den Test euphorisch: «Avangard ist eine militärische Revolution», verkündet die Zeitung «Komsomolskaja Prawda». Sie sei vergleichbar mit dem ersten Düsenjet oder der Erfindung des Maschinengewehrs.

Nach Angaben russischer Medien hat die Rakete eine Reichweite von 5000 bis 8000 Kilometern, trägt Gefechtsköpfe von über zwei Megatonnen TNT Sprengkraft, mehr als das Doppelte der meisten existierenden Atomraketen. Aber vor allem soll sie mit 20-facher Schallgeschwindigkeit viermal schneller als die amerikanische Konkurrenz und mit steuerbarer, also für den Gegner unberechenbarer Flugbahn unerreichbar für alle US-Abwehrsysteme sein.

Allerdings glauben keineswegs alle russischen Fachleute, dass mit «Avangard»-Raketen schon ein Atomkrieg zu gewinnen ist. «Ihr Sinn ist es nicht, feindliche Raketenschächte zu vernichten, sondern Infrastruktur und Grossstädte», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin unserer Zeitung. «Sie sollen abschrecken.»

Noch zu Sowjetzeiten geplant

Bisher ist unklar, wie viel die Mach-20-Rakete kostet und in welcher Stückzahl sie in Stellung geht. Laut Litowkin wird das erste «Avangard»-Regiment im Südural zwei Raketenschächte bedienen. Und Litowkins Kollege Alexander Golz bezeichnet das System nicht ohne Ironie als «Wunderwaffe». Sie durchbreche eine amerikanische Raketenabwehr, welche nur in den Köpfen der russischen Führung existiere.

«Wenn es wirklich gelungen ist, einen Gefechtskopf zu entwickeln, der noch in der Fallphase steuerbar ist, stellt das einen enormen technischen Erfolg dar.» Aber die USA besässen zurzeit nur 34 Abwehrsysteme gegen Interkontinentalraketen in Kalifornien und auf Alaska. Von denen seien zwei bis fünf nötig, um bei einem nuklearen Schlagabtausch zumindest einen herkömmlichen russischen Atomgefechtskopf auszuschalten. «Sie würden also höchstens 15 der insgesamt 1550 gewöhnlichen strategischen Sprengköpfe Russlands vernichten.»

Golz hält die neuen Hyperschall-Raketen schlicht für überflüssig. Sie seien noch zu Sowjetzeiten geplant worden, als Antwort auf Ronalds Reagan laut verkündetes, aber nie errichtetes US-Abfangsystem im All. Der neue Antiraketenschild der USA in Osteuropa eigne sich dagegen lediglich, um einzelne Mittelstreckenraketen zu stoppen. «Aber unserem Verteidigungsministerium ist es gelungen, ein Bedrohungsszenario zu entwickeln, das genau der spezifischen inneren Welt Wladimir Putins entspricht, die auch Angela Merkel schon erwähnt hat.» Das könne traurig enden.