Sultanat

Omans Herrscher ist krank: Im stabilsten Land Arabiens wächst die Angst vor der Zukunft

Die Omanis bangen um ihren 77-jährigen Sultan.

Die Omanis bangen um ihren 77-jährigen Sultan.

Der 77 Jahre alte Sultan von Oman regiert seit fast einem halben Jahrhundert. Seit zwei Jahren leidet er an Darmrkebs. Für viele Omani ist er unersetzlich.

In einer Symphonie aus fortwährend changierenden Rottönen geht hinter sichelförmigen Dünenbergen die Sonne unter. Das faszinierende Farbenspiel dauert eine gute dreiviertel Stunde. Dann ist es stockdunkel in der omanischen Rub al-Khalil, der grössten Sandwüste der Welt. Die Stille und Weite im sogenannten «leeren Viertel» unweit der Grenzen zum Jemen und Saudi-Arabien vermittelt ein Gefühl tiefsten Friedens.

«Wie lange wir dieses Geschenk noch geniessen dürfen, weiss nur der Allmächtige», sagt Abu Omar mit leiser Stimme. Erst nach langem Zögern war der betagte Betreiber eines Wüstencamps in dem Flecken al-Wasil bereit, über die Zukunft seines Landes zu sprechen, über die Zeit, «wenn unser geliebter Sultan nicht mehr unter uns sein wird». Der seit fast einem halben Jahrhundert regierende Sultan Qabus bin Said ist 77 Jahre alt. Dass er an Darmkrebs erkrankt ist, wissen die Omanis seit gut zwei Jahren. In einer Fernsehansprache, die in seiner Villa in Garmisch-Partenkirchen aufgezeichnet worden war, hatte Qabus seinen fast achtmonatigen Auslandsaufenthalt etwas gewunden, letztlich aber unmissverständlich, erklärt: «Es sind Gründe, die Ihr alle kennt.»

Im Jemen lauert al-Kaida

Seither sehen die Omanis noch genauer hin, wenn ihr Sultan im Fernsehen gezeigt wird. Im November letzten Jahres, während der Paraden zum Nationalfeiertag, «habe er 45 Minuten aufrecht gestanden und beim Abspielen der Nationalhymne sogar geweint», erinnert sich Abu Omar lächelnd. Ein gutes Zeichen? «Wir brauchen ihn», antwortet Musallam, der am offenen Feuer einen Lammspiess grillt. «Niemand wird unseren Sultan ersetzen können», fügt der für das Aufstellen der Zelte im Wüstencamp verantwortliche Omani nachdenklich hinzu. Dabei zeigt er auf die schwarze Sanddüne, hinter der vor drei Stunden die Sonne untergegangen war. «Nur 100 Kilometer von hier, im Jemen, treibt al-Kaida ihr Unwesen.» Auch von den engstirnig und aggressiv geltenden Saudis im Norden, mit denen sich das Sultanat die Rub al-Khalil teilt, sehen sich die Omanis bedroht.

Den Frieden, die bemerkenswerte Stabilität in einer von Hass, Zwietracht und Stellvertreterkriegen erfassten Region habe Oman allein dem diplomatischen Geschick von Sultan Qabus zu verdanken, betont Said Mohammed al-Saqri. «Solange er gesund war, lebten wir sorgenfrei. Nach seinem Tod wird es unruhiger werden», befürchtet der in der Hauptstadt Maskat lebende Elektroingenieur.

Cousins als Nachfolger?

Im Gegensatz zu den meisten arabischen Golfstaaten, in denen weitverzweigte Familienclans regieren, sei Oman eine «klassische One-Man-Show». Der charismatischste Herrscher der arabischen Welt hinterlässt keine Kinder, hat keine Brüder – und es trotz seiner schweren Krankheit bislang versäumt, der Bevölkerung einen Nachfolger zu präsentieren oder zumindest einen aufzubauen. Sein Name sei aber bekannt, behaupten Palastinsider. Der Sultan habe zwei versiegelte Briefe mit den Namen von drei für die Nachfolge auserkorenen Personen in den Palästen von Maskat und Salalah hinterlegt und auch deren Rangliste festgelegt. Es soll sich um die Cousins des Sultans handeln, die Söhne seines Onkels. Seinen Vater, Tariq bin Taimur, hatte Qabus vor 47 Jahren mithilfe der Briten vom Thron gestürzt und damit den Weg Omans in die Moderne geebnet. Beliebt ist das Trio in Oman offenbar nicht. Die drei – Assad bin Tariq, Haithan und dessen Bruder Shihab – sind Geschäftsleute ohne grosse politische Erfahrung. In einer Zeit sinkender Ölpreise sowie steigender Arbeitslosigkeit konnten sie ein gewaltiges Vermögen anhäufen.

Von Meinungsfreiheit weit entfernt

Auch in Oman war während des Arabischen Frühlings die Bevölkerung auf die Strassen gegangen, um gegen Korruption und Vetternwirtschaft zu protestierten. Die Demonstrationen richteten sich gegen die Regierung. «Doch niemand hätte es gewagt, den Sultan selbst an den Pranger zu stellen», verrät ein Hochschullehrer. Seinen Namen möchte er nicht nennen. Oman sei zwar das «liberalste Land» auf der Arabischen Halbinsel, von Meinungsfreiheit wie in Europa aber noch weit entfernt. Er könnte Ärger bekommen, wenn er als Informant in Erscheinung treten würde.

Dabei verrät der Hochschullehrer keinesfalls Staatsgeheimnisse, sondern logische Erkenntnisse aus einem Land, dessen schwer kranker Herrscher vermutlich nicht mehr die Kraft besitzt, das Sultanat selbstständig zu führen, und nicht mehr jedes Jahr sechs Wochen durchs Land reist, um sich die Sorgen und Nöte seiner Untertanen anzuhören.

Längst habe in Oman der effiziente Inlandsgeheimdienst ISS die Macht übernommen und werde diese auch nach dem Tod des Sultans vermutlich nicht abgeben. «Wir brauchen starke Leute, keine Schwächlinge», glaubt auch Abu Omar im Wüstencamp von al-Wasil. «Nur dann werden wir uns behaupten können.»

In der Rub al-Khali ist es inzwischen kühl geworden. Wir rücken näher an das Feuer. Mussallam erzählt vom Krieg, der «Revolution gegen den alten Sultan» in den Bergen um die Küstenstadt Salalah, die fünf Autostunden entfernt liegt. Hätte Qabus im November 1970 nicht geputscht, wären die von den Kommunisten in Aden unterstützten Freischärler womöglich an die Macht gekommen. Wachsam sei man auch heute noch, sagt Abu Omar vor dem Schlafengehen. Auch «in der Zeit nach Qabus» werde man die Errungenschaften des Sultans verteidigen. Notfalls auch mit der Waffe.

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