Seit dem Präsidenten-Treffen von Helsinki am Montag scheinen die Fronten klar. Trump und Putin haben sie verschoben. In einer Pressekonferenz, die noch lange in Erinnerung bleiben dürfte, bandelte der US-Präsident regelrecht mit dem autoritären Staatschef Russlands an – über die Köpfe sämtlicher US-Behörden hinweg, einschliesslich der Geheimdienste und der Bundespolizei FBI. Trump und Putin, lautete die Botschaft, stehen zusammen.

Europa scheint der Präsident der USA derweil abgeschrieben zu haben. Trump schiesst ja schon länger gegen die EU und einzelne Mitgliedstaaten, allen voran gegen Deutschland. Doch die vergangenen Tage toppen das bisher Erlebte.

Die EU als «Gegner», «Feind» oder «Widersacher» – je nachdem, wie man den von Trump gebrauchten Ausdruck «foe» übersetzen möchte. So sieht der Mann im Weissen Haus die transatlantischen Verbündeten heute.

Keine echte Überraschung

Und Europa? Reagiert langsam. Die Äusserung des Präsidenten zeige «leider einmal mehr, wie breit der politische Atlantik geworden ist, seit Donald Trump im Amt ist», sagte der deutsche Aussenminister Heiko Maas in einem Interview. Die Bundesregierung hat ihre Konsequenzen offenbar gezogen.

Das Aussenministerium in Berlin kommt angesichts des Verhaltens von Trump zum Schluss, dass die Europäer es nun alleine richten müssen. Schon vor der jetzt schon legendären Pressekonferenz von Helsinki setzte das Auswärtige Amt folgenden Tweet ab:

«‹Wir können uns auf das Weisse Haus nicht mehr uneingeschränkt verlassen›, sagt AM @HeikoMaas. Um unsere Partnerschaft mit den USA neu zu justieren, brauchen wir ein geeintes, selbstbewusstes und souveränes Europa!»

Kurz darauf verschickte das Ministerium die Botschaft auch noch von ihrem englischsprachigen Account, versehen mit #trump, sodass es auch ja die richtigen mitbekommen.

Während Putin und Trump sich in Helsinki munter die (WM-)Bälle zuspielten, fragt man sich indes: hätte man die Verbrüderung kommen sehen können? Gab es also Gelegenheit, sich einzustellen auf ein Power-Duo Trump-Putin, das die Europäer das Fürchten lehrt – und den Kontinent zu mehr Eigenverantwortung zwingt?

Auf die Frage, ob uns das Duo Trump und Putin Sorgen bereiten muss, sagte der Politikwissenschafter Stephan Bierling dieser Zeitung: «Absolut. Zwischen diesen beiden könnte es möglicherweise Einigungen über die Köpfe von Europa hinweg geben.» Klar, kann man nun sagen: keine besonders mutige Vorhersage angesichts der wiederholten Sympathiebekundungen Trumps in Richtung Moskau. Das Gespräch mit dem Politologen stammt allerdings nicht etwa aus der vergangenen Woche, sondern vom Dezember 2016. Da war Trump noch gar nicht vereidigt.

Eine Vielzahl von Experten wies damals darauf hin, dass eine Verschiebung der Grenzen zwischen Freunden und Gegnern unter Trump möglich ist. Gewarnt war man früh genug. Wahrhaben wollte man es in Europa jedoch nicht. Deshalb wächst jetzt das Entsetzen beim Blick auf den «Grossen Teich» zwischen Amerika und Europa, der politisch gesehen immer grösser wird.

Freihandelsabkommen mit Japan

Mit der Pistole auf der Brust handelt es sich bisweilen jedoch entschlossener. In Sachen Militärausgaben liefert Trump den Europäern möglicherweise genau den Antrieb, den sie von sich aus nie entwickelt hätten. Und auch beim Freihandel geht es voran: Nachdem eine europäische Delegation um Donald Tusk und Jean-Claude Juncker jüngst in China für mehr Handel warb, verkündete die EU am Dienstag den Abschluss eines umfassenden Freihandelsabkommens mit Japan. «Jefta», wie das Abkommen auch genannt wird, soll 99 Prozent aller Zölle zwischen den beiden Wirtschaftsräumen beseitigen und im kommenden Jahr in Kraft sein. Ein klares Zeichen gegen den Protektionismus des amerikanischen Präsidenten.