Brüssel

Molenbeek, eine «Islamisten-Hochburg»? So kämpft die Bürgermeisterin gegen den Ruf ihrer Gemeinde

Sie möchte nicht wegschauen: Françoise Schepmans.

Sie möchte nicht wegschauen: Françoise Schepmans.

Täglich kämpft sie gegen den Ruf ihrer Gemeinde als «Islamisten-Hochburg». Wie tickt Françoise Schepmans, Bürgermeisterin des Brüsseler Bezirks Molenbeek?

Holzgetäferte Wände, überhohe, mit filigranen Malereien verzierte Decken, opulente Bilder im Barockstil: In Françoise Schepmans’ Arbeitszimmer scheint belgische Tradition und Geschichte förmlich auf einen einzustürzen. Welch ein Kontrast zum Bild draussen, wo in manchen Strassen die Frauen nur mit Kopftuch unterwegs sind, Geschäfte Nikabs gleich neben Hochzeitskleidern feilbieten.

«Madame la bourgmestre», wie sie hier alle nennen, empfängt an einem betriebsamen Nachmittag Anfang Mai. «Die Gemeindekanzlei war gerade zwei Tage geschlossen, es gibt einiges an liegengebliebener Arbeit», entschuldigt sich die 57-Jährige für die Wartezeit.

Aber an Arbeit mangelt es der Bürgermeisterin der Brüsseler Gemeinde Molenbeek ohnehin nicht. Seit den Terroranschlägen von Paris und Brüssel ist sie quasi täglich damit beschäftigt, «ihr» Molenbeek gegen das Vorurteil einer «Islamisten-Hochburg» und des «Terroristen-Nests» zu verteidigen.

Das Viertel als Terroristenversteck

Ein regelrechtes «Bashing» sei das gewesen, so Schepmans, damals, nach den Paris-Anschlägen im November 2015. Dabei hätte es die Molenbeeker und Molenbeekerinnen vielleicht am meisten von allen schockiert, dass ein Grossteil der bei den Anschlägen beteiligten Terroristen hier, direkt unter ihnen, gelebt habe.

Salah Abdeslam, der einzige Überlebende der Paris-Attentäter, versteckte sich sogar noch monatelang im Viertel. Seine Festnahme führte dann dazu, dass sich der Rest der Molenbeeker IS-Zelle in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen in die Luft sprengte und 32 Menschen mit in den Tod riss.

Ja, es gebe soziale Probleme, Kleinkriminalität und Schwierigkeiten mit religiösen Fanatikern. Trotzdem: «Rechtsfreie Zonen oder «No-go-Areas» hat es Molenbeek keine», so Schepmans auf die Frage, wie viel Wahres an den zahlreichen negativen Medienberichten dran sei. Sie muss es wissen. Ihr ganzes Leben verbrachte die Tochter eines Journalisten und einer Bibliothekarin in Molenbeek, kennt jede Strasse und jede Ecke.

In die Politik gelangte sie früh, über Jugendbewegungen und während des Studiums. Dass sie sich den Liberalen des Mouvement Réformateur (MR) um Louis Michel, den ehemaligen Minister, EU-Kommissar und Vater des heute amtierenden belgischen Premiers Charles Michel, anschloss, sei wohl auch einem gewissen Reflex auf ihr Umfeld geschuldet. Immerhin regierten in Molenbeek seit 1939 bis zu Schepmans Amtsantritt 2012 ohne Unterlass die Sozialisten.

Vor allem die letzten 20 Jahre unter Langzeit-Bürgermeister Philippe Moureaux hätten Spuren hinterlassen. Dieser habe sich mit einer «Laisser faire»-Politik den Herausforderungen der vor allem seit den 90er-Jahren rasant ansteigenden Immigration aus Nordafrika und dem Nahen Osten entzogen, so Schepmans.

Heute fehle es vielerorts an einer gesunden Durchmischung in den Quartieren. Hinzu kommt eine Bevölkerungsdichte, die in der Hauptstadtregion Brüssel ihresgleichen sucht. Will heissen: zu viele marokkanische Grossfamilien in zu kleinen Wohnungen.

«Wir müssen die Quartiere durchlüften», sagt Schepmans. Bei Linken stösst sie mit solchen Aussagen regelmässig auf Ablehnung. Sie sei halt einfach «ein bisschen xenophob» und möge den Islam nicht, heisst es oft. Gleichermassen muss sich sie sich aber auch gegen die andere Seite verteidigen.

Etwa wenn der belgische Innenminister Jan Jambon von den flämischen Nationalisten (N-VA) verspricht, er werde Molenbeek jetzt «säubern». Oder wenn sich der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders mit Gleichgesinnten zur «Islam-Safari» ankündigt, wie im vergangenen Jahr geschehen.

Jeder zweite Jugendliche arbeitslos

Françoises Schepmans seufzt. Weder Wegschauen noch mit der Abrissbirne dreinschlagen sei das Richtige. Am liebsten würde sie es so machen wie ihr Amtskollege Bart Somers, der die flämische Kleinstadt Mechelen innerhalb von 20 Jahren vom kriminellen Hotspot zur Vorzeigekommune umgemodelt hat.

Sein Erfolgsrezept: Law und Order auf der einen, Nulltoleranz gegenüber Diskriminierung und Ausgrenzung auf der anderen Seite. Aber so einfach ist das in Molenbeek nicht. Während in Mechelen die Wirtschaft prosperiert, grassiert hier die Arbeitslosigkeit. Jeder zweite Jugendliche ist ohne Job, die Gemeinde ist notorisch knapp bei Kasse. Zudem beklagt sich Schepmans über politische Widerstände.

Obligatorische Integrationskurse für Neuzuzüger, wie es sie in Flandern seit 2002 schon gibt, kennt man in der Hauptstadtregion Brüssel noch immer nicht. «Die Flamen sind pragmatischer, flexibler und konkreter», sagt Schepmans. Was sie damit meint: In Brüssel gibt es einen Reflex gegen alles, was auch nur im Ansatz die ethnopolitische Korrektheit tangieren könnte.

«Wir müssen wachsam bleiben»

Immerhin seien ihr nun endlich die 50 zusätzlichen Polizisten zugestanden worden, um die sie jahrelang gebeten hätte. Die verstärkte Präsenz in den Strassen soll das Sicherheitsgefühl erhöhen. Die Überwachung klandestiner Milieus, islamistischer Vereine und Treffpunkte sei ihr aber auch mit den verstärkten Ressourcen nicht möglich, so Schepmans.

Das sei aber auch gar nicht ihre Aufgabe, sondern jene des Nachrichtendienstes und der Justiz, von der sie sich noch mehr Unterstützung erhofft. Schepmans: «Der religiöse Druck in den Quartieren hat nicht abgenommen, wir müssen wachsam bleiben.»

Bei allen Baustellen geht oft vergessen, dass es noch eine andere Seite Molenbeeks gibt. Zum Beispiel jene westlich von den Bahngleisen mit den schicken Bürgerhäusern. Oder das sich stetig vergrössernde Gebiet rund um den Kanal mit den hippen Bars und einer lebendigen Start-up-Szene.

Gut möglich, dass sich hier bald dieselbe Entwicklung vollzieht wie im ehemaligen Berliner Problembezirk Neukölln, der wegen seiner günstigen Mieten von Studenten und Kreativen überflutet und zum Trendviertel gentrifiziert wurde. Darauf hofft Schepmans ganz offen und versucht, die Entwicklung in diese Richtung zu fördern.

Molenbeek brauche sicher zehn Jahre, bis die gemachten Anstrengungen Früchte tragen würden, so Schepmans. Vor allem die vernachlässigten Jugendlichen in den Strassen gelte es abzuholen und ihr Potenzial zu nutzen. Wird sie im Herbst wiedergewählt, will sie sich dafür einsetzen: «Meine Gemeinde ist meine Verpflichtung», so die Bürgermeisterin. Zuletzt hänge das Schicksal Molenbeeks aber auch von der Entwicklung Brüssels, Belgiens und Europas im Allgemeinen ab. Schepmans: «Alleine können wir es nicht schaffen».

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