Es ist der Höhepunkt der deutsch-russischen Woche, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel heute in Sotschi mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zusammentrifft. Vor acht Tagen stattete der neue Aussenminister Heiko Maas (SPD) seinem russischen Amtskollegen Sergeij Lawrow einen Antrittsbesuch ab, wenige Tage später reiste auch Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) in die russische Hauptstadt.

Die offenherzige und freundliche Art Altmaiers kam scheinbar gut an, Misstöne blieben nach dem Besuch aus. Hingegen hiess es nach Maas’ Besuch bei Lawrow, das Treffen habe in «frostiger Atmosphäre» stattgefunden. Das ist wenig überraschend, da der 51-jährige Sozialdemokrat seit seiner Amtsübernahme recht forsche Töne gegenüber Russland angeschlagen hat – im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Parteikollegen Sigmar Gabriel und Frank-Walter Steinmeier, die im Verhältnis mit Moskau ganz nach alter sozialdemokratischer Doktrin vom «Wandel durch Annäherung» auf Deeskalation mit Moskau gesetzt hatten.

Wie dem auch sei: Nach Aufkündigung des Iran-Abkommens durch die USA und Trumps unmissverständlicher Sanktionsdrohung auch gegen deutsche Konzerne sollten diese weiterhin mit dem Regime in Teheran Geschäfte tätigen, wünschen sich viele Deutsche, dass sich das seit Jahren angespannte Verhältnis zwischen Berlin und Moskau entspannt. Auch einige Medien spekulieren bereits darüber, ob Moskau und Berlin möglicherweise nun wieder zueinanderfinden werden. «Treibt Trump Merkel in Putins Armee?», fragte die Deutsche Welle diese Woche.

Grosse Differenzen

Zwar heisst es, die fliessend Russisch sprechende Merkel und der perfekt Deutsch redende Putin würden sich nach all den Jahren ihrer Macht grundsätzlich schätzen.

Doch abgesehen von dem Umstand, dass beide Seiten das Iran-Atomabkommen retten wollen und auch Deutschland ein Interesse an der Ölpipeline Nord Stream 2 zeigt, mit welcher russisches Gas durch die Ostsee direkt nach Deutschland befördert wird, sind die Differenzen zwischen dem Kreml und dem westlichen Partner weiterhin erheblich: Da sind der Ukraine-Konflikt und die von Merkel verteidigte Sanktionspolitik gegenüber Russland, die völkerrechtswidrige Krim-Annexion, die Cyberattacken gegen den Bundestag und zuletzt das Aussenministerium, hinter denen – so ist man in Berlin überzeugt – Russland steckt.

Hinzu kommen politische Differenzen nach dem mutmasslich von Russland gesteuerten Giftgasanschlag gegen den Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia in Grossbritannien. In der Syrien-Politik liegen Welten zwischen Deutschland und dem Russland von Wladimir Putin, das Machthaber Baschar al-Assad protegiert.

Keine emotionale Bindung

Stefan Meister, Russland-Experte in der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik (DGAP) in Berlin, beklagt eine Entfremdung zwischen Deutschland und Russland, die lange Zeit benötige, um überwunden werden zu können. Meister glaubt nicht, dass das heutige, kurze Zusammentreffen zwischen Merkel und Putin an der Schwarzmeerküste dazu beitragen wird, das deutsch-russische Verhältnis nachhaltig zu verbessern.

Die Entfremdung zwischen den beiden Ländern sei Folge eines viele Jahre dauernden Prozesses. «Trotz Überschneidungen in einzelnen Interessensgebieten lässt sich der Grundkonflikt nicht einfach in einigen Gesprächen überwinden». Deutschland verhalte sich gegenüber Russland nach wie vor zögerlich, suche aber nach einer neuen Russland-Politik, glaubt Meister.

Eine grundlegende Änderung durch den mit 51 Jahren recht jungen Aussenminister Heiko Maas (SPD) erwartet der DGAP-Experte nicht. Allerdings stehe Maas für einen Generationenwechsel in der deutschen Aussenpolitik. Maas verfüge nicht über die emotionale Bindung zu Russland wie seine älteren Vorgänger Gabriel, Steinmeier oder auch Altkanzler Gerhard Schröder. «Ich hoffe, dass dies zu einer rationaleren und pragmatischeren Russlandpolitik führt.»