«Ich bin ein Faulenzer», hat sich Mathieu auf die Stirn gepinselt. «Und dazu zynisch und extrem.» Wütend ist der junge Personaldelegierte einer Pariser Transportfirma auch. Natürlich über Emmanuel Macron, der vor einigen Tagen erklärte, er werde «den Faulenzern, Zynikern und Extremen nicht nachgeben». Aber vor allem über das zukünftige französische Arbeitsrecht, das Kündigungen erleichtert, Abfindungen beschränkt und Kleinfirmen mehr Gestaltungsfreiheit ohne Gewerkschaftskontrolle einräumt. Mathieu marschiert am Rand des Boulevards und verteilt das Flugblatt seiner Gewerkschaft CGT. Darauf heisst es, die Arbeitsmarktreform ermögliche «börsenmotivierte Entlassungen»; sie schaffe «Wegwerf-Mitarbeiter» und bedrohe «Tausende von Jobs vor allem in der Industrie». Oder, wie Mathieu resümiert: «Diese XXL-Reform bringt das Gesetz des Dschungels zurück.»

Kundgebungen im ganzen Land

Der Gewerkschafter steht mit seinem Zorn nicht allein da: An fast 200 Kundgebungen im ganzen Land, begleitet von 4000 Streikaufrufen in der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand, haben am Dienstag mehrere hunderttausend Gegner der Arbeitsrecht-Reform teilgenommen. Viele Züge und Flüge fielen aus. Den Aufruf hatte die einst kommunistische CGT erlassen. Die Gewerkschaft Force Ouvrière (FO) liess die CGT diesmal im Stich. Ihr Vorsteher Jean-Claude Mailly konnte sich mit Macrons Konzessionen abfinden.

An der Demo in Paris waren trotzdem FO-Flaggen zu sehen: Die Hälfte ihrer regionalen Verbände folgte dem CGT-Aufruf von sich aus. Das zeugt von den starken Spannungen innerhalb des Gewerkschaftslagers. Die CGT ruft für kommende Woche bereits zur nächsten «manif» (für «manifestation») auf, bleibt aber isoliert. Einen Tag später will Macrons Arbeitsministerin Muriel Pénicaud die definitiven Dekrete der Reform vorlegen. Erst danach wird die Linkspartei «Unbeugsames Frankreich» von Jean-Luc Mélenchon ihre Truppen auf die Strasse werfen – allerdings getrennt von der CGT. Deren Boss Philippe Martinez konnte sich mit Mélenchon nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen.

Macrons Taktik des «Teile und herrsche» ist bisher aufgegangen. Der Präsident kehrte den Demonstranten am Dienstag bewusst den Rücken, um in der Karibik Opfer des Wirbelsturms «Irma» zu besuchen. In Paris verfolgen seine Berater aber nervös den Umfang der Kundgebungen. Macron hat noch so manche Strukturreform in petto: Nach dem Arbeitsrecht will er das Gesundheitswesen und den sozialen Wohnbau ummodeln. Und am liebsten gleich sofort, um das Schicksal seines Vorgängers Hollande zu vermeiden: Er hatte halbherzige Reformen vor sich hergeschoben und bald jede Glaubwürdigkeit verloren.

Präsident sucht den Konflikt

Macron verspürt noch den Elan seiner kürzlichen Wahl. Mit seinem provokativen Spruch über die «Faulenzer» sucht er gar selbstbewusst die Konfrontation – frei nach dem Motto: «Da müssen wir durch.» Möglicherweise ist er aber zu weit gegangen. Sogar die Sozialistische Partei, die noch ihre Wahlwunden leckt und dem Aktionstag ferngeblieben ist, legte ihre Lethargie ab und meinte, Macron verachte die Erwerbstätigen.

Wichtiger ist, dass sich der linke Studentenverband Unef der CGT-Demo angeschlossen hat. In den sozialen Medien häufen sich nicht nur die Aufrufe gegen die Arbeitsrecht-Reform, die vor allem jugendliche Berufseinsteiger betrifft. Öl ins Feuer goss Macron auch mit seiner Absichtserklärung, das Wohngeld APL um monatlich fünf Euro zu kürzen. Klar ist: Wenn die Studenten massiv auf die Strasse gehen, ist in Paris Feuer unterm Dach. Der Rückzug aller wichtigen Bildungs- oder Jobreformen der letzten Jahrzehnte in Frankreich ging jeweils auf das Konto der Studenten und Mittelschüler. Die Zeitung «Le Figaro» fragt sich bereits, ob Macron diese soziale Front nicht übersehe, nachdem er die Gewerkschaftsfront so geschickt gebändigt habe.Kommentar rechts