In seiner Autobiografie, die in diesen Tagen erscheint, nimmt der 81-jährige Savona kein Blatt vor den Mund: «Deutschland hat die Sicht bezüglich seiner Rolle in Europa nach dem Ende der Nazizeit nicht geändert – ausser, dass es seine Vormachtstellung nun nicht mehr militärisch durchzusetzen versucht», schreibt der Ökonom in «Come un incubo e come un sogno» («Wie ein Albtraum und wie ein Traum»).

Der deutsche Hegemon, der seine europäischen Nachbarn nun nicht mehr mit Panzern und Stukas unterjocht, sondern mit dem Euro: Das ist das Lieblingsthema von Savona. Der streitbare Sarde aus Cagliari hat die europäische Einheitswährung auch schon als «deutschen Käfig» bezeichnet.

Savona soll nach dem Willen der neuen starken Männer von Rom – Lega-Führer Matteo Salvini und Cinque-Stelle-Chef Luigi Di Maio – neuer Finanz- und Wirtschaftsminister unter dem designierten Premier Giuseppe Conte werden.

Die Wahl ist nicht überraschend: Skepsis gegenüber dem Euro und der Europäischen Union mit ihren Haushaltsvorschriften sind der Kitt, der die beiden populistischen Anti-System-Parteien, die demnächst Italien regieren werden, zusammenhält. Savona ist einer ihrer Chef-Ideologen: «In Brüssel mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, bringt gar nichts. Wir müssen einen Plan B vorbereiten – und das ist der Ausstieg aus dem Euro», betont Savona. Sonst drohe Italien das gleiche Schicksal wie Griechenland.

Mattarellas Horror

Für den europafreundlichen Staatspräsidenten Sergio Mattarella sind diese Aussagen von «Signor No» der blanke Horror. Fest steht jedenfalls: Mit Savona als Finanz- und Wirtschaftsminister stünde das Verhältnis der drittgrössten Volkswirtschaft der Eurozone zu den europäischen Partnern umgehend im Zeichen der Konfrontation - und ein Austritt Italiens aus der Währungsunion wäre plötzlich deutlich mehr als eine theoretische Möglichkeit.

Italiens Schuldenberg von 2,3 Billiarden Euro könnte die ganze Union in den Abgrund reissen, und entsprechend tief sind die Sorgenfalten in Brüssel und Berlin. Das Szenario eines «Italexit», das in erster Linie auch Italien schwer treffen würde, will Mattarella unbedingt verhindern.

Theoretisch könnte er dies: Laut Verfassung ist es der Staatspräsident, der
auf Vorschlag des designierten Regierungschefs die Minister nominiert. Lega-Chef Salvini hat freilich umgehend erklärt, dass er ein Veto des Staatspräsidenten nicht verstehen würde, weil Savona die Mehrheit der Italiener vertrete, die am 4. März Lega oder Cinque Stelle gewählt hätten.

Das Staatspräsidium antwortete ungewohnt scharf: Von einem Veto Mattarellas könne keine Rede sein, wenn schon liege ein «unannehmbares Diktat» der beiden künftigen Regierungspartner an den Staatspräsidenten und den designierten Premier Conte vor. Der Machtkampf war gestern noch nicht entschieden – Mattarella steht vor dem heikelsten Entscheid seiner Amtszeit.

Mehr Erfahrung als Conte

Fachlich ist gegen Savona wenig einzuwenden: Er gilt als einer der profiliertesten Ökonomen Italiens, und er würde – im Unterschied zum künftigen Regierungschef Conte – politische Erfahrung in einem Exekutivamt mitbringen: Savona war unter dem damaligen Regierungschef und späteren Staatspräsidenten Carlo Azeglio Ciampi von 1993 bis 1994 Industrie- und Handwerksminister, ausserdem war er Generaldirektor der italienischen Nationalbank, Generalsekretär des Industriellenverbands Confindustria und Unternehmenschef der Banca Nazionale di Lavoro und anderer Grossunternehmen. Daneben hatte er an verschiedenen italienischen Universitäten Lehrstühle inne. Das Curriculum des künftigen Anti-Euro-Ministers wäre einwandfrei.

Savona ist nicht erst kürzlich auf den Zug der Euro-Gegner aufgesprungen: Er hatte sich schon 1992, als in der EU die entsprechenden Verträge ausgearbeitet wurden, gegen den Beitritt zur Einheitswährung ausgesprochen. Er war der Meinung, dass Italien schlicht die Beitrittsbedingungen nicht erfülle – und er sah voraus, dass durch die Aufgabe einer eigenen Währungspolitik die notwendige Flexibilität verloren gehen würde, um auf dem Geldmarkt gegen Krisen gegenzusteuern zu können – etwa durch die Abwertung der Lira. «Der Euro war von Anfang an eine Fehlkonstruktion, weil er Volkswirtschaften mit sehr unterschiedlicher Produktivität umfasst», betont Savona. Inzwischen ist er nicht mehr der einzige Ökonom, der zu diesem Schluss kommt.

Der 81-Jährige ist zwar Gegner der Einheitswährung, aber er bestreitet, ein Anti-Europäer zu sein: «Die Schwierigkeiten der EU sind ihrer Führungselite zuzuschreiben. Sie behaupten, sich fürs Volk zu interessieren. In Wahrheit kümmern sie sich nur um sich selbst», erklärte Savona unlängst gegenüber der katholischen Tageszeitung «L’Avvenire». Und deshalb brauche es den Plan B.