Coronavirus

Liberté, fraternité, séparé: Die Einheit Frankreichs bröckelt

Leere auf den Champs Elysée: In Paris greift das Virus immernoch um sich.

Leere auf den Champs Elysée: In Paris greift das Virus immernoch um sich.

In grünen Zonen können sich Bürger freier bewegen als in roten. Ein Novum in dem streng zentralistischen Land.

Man muss von einem Tabubruch sprechen, gar von einer französischen Revolution. Ausgeheckt hat sie ein Ökonom namens Bary Pradelski. Der junge Forscher aus Grenoble hatte eine Eingebung, als er sich mit einem befreundeten Mathematiker treffen wollte. Im Telefongespräch hielten sich beide für coronafrei und damit so etwas wie grüne Oasen im rot blinkenden Land. Um sich zu sehen, müssten sie nur einen sicheren Weg – eine Art grüne Brücke – durch das verseuchte Paris wählen, fanden sie.

Damit war die Idee geboren, die nun ganz Frankreich einführt. Ab Montag wird das Staatsgebiet in zwei Zonen eingeteilt. Im roten Bereich von Paris bis an den Ärmelkanal und bis an den Rhein bleiben die seit März gültigen Einschränkungen zum Teil in Kraft; im grünen Landeswesten und -süden wird die Lockerung hingegen weiter getrieben: Dort öffnen Parks, Mittelschulen und andere Einrichtungen wieder, und wenn die Zone drei Wochen lang im grünen Bereich bleibt, können auch die Cafés und Restaurants wieder den Betrieb aufnehmen.

7000 Tote im Grossraum Paris

Die Teilung in zwei Zonen ist ein mentales Novum für die jakobinisch-zentralistische Republik, die nicht nur auf die Freiheit und Brüderlichkeit setzt, sondern auch auf die Egalité, die sakrosankte Gleichheit. Premierminister Edouard Philippe betonte deshalb am Donnerstag, es gebe weiterhin nur «ein Frankreich». Auch suchte er die französischen Urängste vor einem Auseinanderfallen des Landes zu beschwichtigen. Für einmal war das vielleicht gar nicht nötig: Die Franzosen verstehen den Sinn der Grenzziehung mitten durch das flächenmässig grösste Land Europas. Im Hinterland der Côte d’Azur herrscht nun einmal nicht die gleiche Bedrohungslage wie tausend Kilometer im Landesnorden, hauptsächlich im Grossraum Paris, wo schon 7000 Coronatote zu beklagen sind.

Ausserdem lässt sich die von Pradelski ausgetüftelte Einzonung flexibel handhaben: Verschlimmert sich die Lage in einem grünen Departement, rutscht es automatisch in die rote Zone; öffentliche Dienste schliessen wieder, die Bürger müssen Masken aufsetzen. Zur Unterscheidung hat die Regierung drei objektive Kriterien bestimmt: die Zahl der wöchentlichen Ansteckungen, der belegten Notfallbetten und der verfügbaren Schnelltests.

Die Einteilung in grüne oder rote Zonen ist ein zentraler Teil eines breit gefächerten Plans, mit dem die Ausgangssperre am Montag in ganz Frankreich gelockert wird.

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