Endlich einer, der die kleinen Leute versteht. Einer wie sie. Etwa hundert Bewohner des Pariser Vorortes Bobigny drängen sich an diesem verregneten Donnerstag in den muffigen Mehrzwecksaal Le Cargo, um Jordan Bardella zu sehen, den Listenführer des «Rassemblement National» (RN), wie der rechte «Front National» heute heisst.

Jung, gut aussehend, mit kurzem Haarschnitt und blauem Anzug – der Schwiegermuttertraum Bardella ist auch der Joker von RN-Chefin Marine Le Pen. Er sei ihr Lautsprecher, ihr Schosshund, lästern die Pariser Medien; doch solche Urteile dringen nicht bis hier in die tiefe, verelendete Banlieue, die so weit von Paris entfernt scheint wie der Mond.

Bobigny, das ist die düstere Kehrseite der Lichterstadt – voller Armut und Arbeitslosigkeit, Gewalt und Migrantenghettos. «Ich kenne das alles, weil ich es selbst erlebt habe», erklärt der Geografiestudent den Zuhörern, die durchs Band dunkle Kleider tragen, aber keine dunkle Haut. «Unsicherheit, Kriminalität, Drogenhandel, das gab es vor meiner Haustür.»

Bardella erzählt, wie er als Sohn einer italienischen Einwandererfamilie in einer Sozialwohnung aufwuchs. Ohne seinen Arbeitervater hielt sich die Mutter als Hilfslehrerin über Wasser. Am Tisch habe sie aber eisern Französisch gesprochen, damit sich die Kinder assimilierten. «Nur wer Frankreich liebt, ist bereit, sich zu assimilieren», ruft der 23-jährige Listenführer aus, und die Anwesenden schwingen die verteilten Frankreich-Fähnchen.

Bardella muss bei seinem Heimspiel gar nicht erst erwähnen, dass er schon mit 16 in die Le-Pen-Partei eingetreten war, und dass er der Parteichefin erstmals mit einer persönlichen Politinitiative namens «patriotische Banlieue» auffiel. Xenophobe Tiraden sind nicht sein Ding, und er vertritt auch nicht die vom rechtsextremen Schriftsteller Renaud Camus aufgestellte These von der «grossen Ablösung» der französischen Urbevölkerung durch die muslimischen Immigranten.

Das sei eine «Theorie von Intellektuellen», meint Bardella, aber nur, um sie im Detail zu bestätigen: «Hier im Departement weichen die Bäckereien und Metzgereien mehr und mehr den Halal-Läden; und hier tragen schon fünfjährige Mädchen das Kopftuch.»

Selfies mit älteren Damen

Der neue «Wunderknabe» der Europawahlkampagne, wie ihn das englischsprachige Portal «Politico» nennt, braucht keine lange Überzeugungsarbeit zu leisten – alle im Saal wählen die «Nationale Sammlung». Fast länger als Bardellas Rede dauert die folgende Selfie-Runde, bei der sich vor allem ganz junge und ältere Damen neben dem hoch gewachsenen Sunnyboy mit dem gewinnenden Lächeln ablichten lassen. Bardella bleibt locker, spontan, tadellos. Fast etwas zu geschliffen wirkt der RN-Jungmann bereits.

Und schon sehr professionell nimmt er sich Zeit für den ausländischen Journalisten. Sich keine Blösse gebend, wiederholt er fast wörtlich Le Pens Argumente, ohne dies auch nur zu verhehlen. Das RN-Ziel der Eurowahlkampagne? «Im Europaparlament wollen wir zusammen mit anderen Souveränisten die Mehrheit erlangen, oder zumindest eine Sperrminderheit», meint er, um einzuräumen: Seine Partei hat in der zentralen Frage der EU-Zugehörigkeit seit den verlorenen Präsidentschaftswahlen von 2017 die Meinung geändert. «Wir sind pragmatischer geworden, weniger dogmatisch, verlangen nicht mehr den EU- oder den Euro-Austritt.» Dass es sich um einen deutlichen Kurswechsel handelt, sucht er zu kaschieren.

Le Pens Diskurs gegen die «Masseneinwanderung» hat sich hingegen verschärft, was auch bei Bardella durchdringt: «Wie Marine gesagt hat, erhält ein neu angekommener Immigrant mehr Geld als ein französischer Rentner, der sein Leben lang geschuftet hat», behauptet er.

Journalisten haben dies indessen widerlegt: Rentner erhalten im Schnitt 860 Euro im Monat, Flüchtlinge 440 Euro. «Ja, aber dazu kommt auch noch die Beherbergung und Arztbehandlung», versucht sich der RN-Listenführer herauszureden. Um dann abzulenken: «Auf jeden Fall sagt Marine: ‹Wenn Sie mehr Immigration, mehr Freihandel, weniger Schutz gegen Importe oder weniger Umweltschutz wollen, dann sollten Sie Macron wählen.›»

Und weiter: «Wenn wir in den Europawahlen vor seiner Partei zu liegen kommen, ist Macron nicht mehr legitim und müsste eigentlich zurücktreten», meint Bardella.

Doch müsste er nicht eher selbst den Hut nehmen wegen seiner Verwicklung in die RN-Affäre um Scheinjobs im Europarlament? «Nichts ist bewiesen», antwortet der RN-Listenchef knapp. Oder wie Charles Aznavour in Bardellas Lieblingslied «Sa jeunesse» singt: Nichts hält den Zwanzigjährigen auf, dessen Zukunft voller Verheissung ist.