Südamerika

Kühlschrank-Krise und kein Konto: Schlimmer als in Peru ist die Coronakrise fast nirgendwo

Täglich frische Früchte verkauft der Belen Markt in Iquitos. Viele Peruaner können ihre Lebensmittel nirgends lagern.

Täglich frische Früchte verkauft der Belen Markt in Iquitos. Viele Peruaner können ihre Lebensmittel nirgends lagern.

Der kleine Andenstaat Peru liegt auf Rang 5 der weltweiten Coronastatistik. Und das, obwohl die Regierung vieles richtig macht.

Auf den ersten Blick wirkt die Statistik harmlos. Doch die Kühlschrank-Knappheit in Peru hat einen direkten Einfluss auf den katastrophalen Verlauf, den die Coronaepidemie im Anden-Land nimmt: Mehr als 40 Prozent der peruanischen Haushalte haben keinen Kühlschrank. Noch weniger Familien haben überhaupt Möglichkeiten, Nahrungsmittel für eine längere Zeit aufzubewahren. Kommt hinzu: Nur etwas mehr als ein Drittel der erwachsenen Peruaner hat ein Bankkonto.

Beide Zahlen und die dahinterstehenden Ursachen haben viel damit zu tun, dass die 32-Millionen-Nation auf Rang 5 der weltweiten Coronarangliste steht. Nur in Amerika, Brasilien, Indien und Russland ist die Zahl der insgesamt Infizierten noch höher. Mehr als 326000 Peruaner wurden positiv getestet, mehr als 12000 sind gestorben. Das Land ist ein Beispiel dafür, dass selbst besonnene Regierungen nur bedingt Erfolg haben können, wenn die sozialen und wirtschaftlichen Faktoren ungünstig sind.

Vorbildliche Reaktion hat nichts genützt

Denn eigentlich hat Peru anfänglich alles richtig gemacht. Der Andenstaat hat früher als andere lateinamerikanische Länder und sogar noch vor manch europäischem Staat einen Lockdown verhängt. Die Ausgangssperre – eine der längsten der Welt – dauerte von Mitte März bis Ende Juni. Dennoch steigen die Infektionen ungebremst an. Zwischen Mitte März und Ende Mai sind trotzdem 87 Prozent mehr Menschen gestorben als im gleichen Zeitraum in anderen Jahren.

Dass sich Peru zu einem globalen Coronanotfall entwickelt hat, hat mehrere Gründe. Zum einen haben die Menschen den Lockdown lange nicht sehr ernstgenommen. Anstatt die Häuser nur für die dringend notwendigen Nahrungsmittelkäufe zu verlassen, gingen sie zur Arbeit. Wer heute nichts verkauft, isst morgen nichts in Peru. Fast 70 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung ist in der Schattenwirtschaft beschäftigt, also ohne Arbeitsvertrag und ohne festes Einkommen. Und so gingen die Peruaner viel zu früh wieder Schuhe putzen, Autos waschen und zurück an ihre Strassenverkaufsstände.

Vor allem aber gingen sie auf die typischen Grossmärkte in der Hauptstadt Lima. Diese haben sich in den vergangenen Wochen zu wahren Virenschleudern entwickelt. «Weil es kaum Kühlschränke gibt, müssen viele Menschen fast täglich raus, um sich mit Proviant zu versorgen», betont der Ökonom Hugo Ñopo. Präsident Martín Vizcarra sagte kürzlich, dass die Märkte des Landes «Hauptinfektionspunkte» seien: «Auf fast allen Märkten waren 50 oder mehr Prozent der Verkäufer mit dem Erreger infiziert.» Auf dem Fruchtgrossmarkt «La Victoria» in Lima waren im Mai 86 Prozent der Verkäufer an Corona erkrankt.

Polizisten sollen Peruanern «Respekt» beibringen

Auch die Banken in Peru haben sich zu gefährlichen Coronahotspots entwickelt. Den rund 35 Prozent der Peruanern, die kein Bankkonto haben, wurden die von der Regierung gesprochenen Hilfsgelder in den Filialen in bar ausgezahlt.

Mit der Epidemie ist Peru massiv überfordert. Wie viele Länder Lateinamerikas leidet auch der Andenstaat unter einem defizitären staatlichen Gesundheitssystem, das weder genügend gut ausgebildetes Personal noch eine ausreichende Anzahl an Betten für alle Coronapatienten bereithält. Immerhin hat das Land schnell viele Beatmungsgeräte eingekauft und stellt jetzt sogar eigene her.

Vorwerfen kann man der Regierung, dass sie die Einhaltung des Lockdowns nicht stark genug durchgesetzt hat. Das soll sich jetzt ändern: «Polizei und Streitkräfte werden von nun an nicht ruhen, den Menschen die neue Kultur des Respekts für die Regeln zu verdeutlichen», droht Verteidigungsminister Walter Martos. «Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben».

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