Christian Pfeiffer, der Bremer AfD-Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz, der am Montag brutal niedergeschlagen worden ist, hält es für möglich, «bloss» Opfer eines Raubüberfalls geworden zu sein. Wurde die Geschichte vorschnell aufgebauscht?

Christian Pfeiffer: Ich warte ab, ob es ein Raubdelikt gewesen ist, was der Verletzte nun ja selbst für möglich hält – oder ob es eine politische motivierte Tat war. Solange die Polizei da keine klaren Erkenntnisse hat über die Motive der Täter, ist alles spekulativ. Und an Spekulationen möchte ich mich nicht beteiligen.

Die Empörung war parteienübergreifend gross. Die Frage stellt sich unabhängig von den Hintergründen der Tat: Ist das Leben von Politikern gefährlicher geworden?

Nach wie vor sind solche Übergriffe selten. Falls es sich im Fall von Bremen tatsächlich um eine politisch motivierte Tat handelt, haben wir kaum vergleichbare Ereignisse, dass Bundestagsabgeordnete niedergeschlagen werden wegen ihrer politischen Positionen. Das wäre eine Ausnahmegeschichte. Aus einem solchen Fall gleich eine grosse Gefährdung aller Politiker zu machen, ist Unsinn. Dass die linken Chaoten und die rechten Chaoten stärker aufeinander losgehen, ist nichts Neues. Aus dem jüngsten Vorfall nun abzuleiten, dass sich die Gewalt verstärkt gezielt gegen einzelne Personen richtet, das können wir noch nicht sagen.

Sie sagten in einem Interview mit der «Süddeutschen»: «Die politische Auseinandersetzung zwischen den Flügeln der Gesellschaft ist schärfer geworden.» Woran liegt das?

Das ist sicher so. Das hat mit der politischen Debattenkultur zu tun. Da hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Weihnachtsansprache sehr vernünftige Worte gesprochen, als er dazu aufgerufen hatte, im ständigen Dialog miteinander zu bleiben (Anmerkung der Redaktion. Steinmeier sagte unter anderem: «Wir müssen wieder lernen, zu streiten, ohne Schaum vorm Mund, und lernen, unsere Unterschiede auszuhalten (…) Die Fähigkeit zum Kompromiss ist die Stärke der Demokratie»). Wir haben zu oft eine Situation, in der die Kultur des Diskutierens leidet, wenn die Leute statt der Diskussionen nur noch Feindbilder traktieren – gerade auch im Internet –, dass sie aggressiv übereinander herfallen, sei es möglicherweise sogar mit körperlicher Gewalt. Von Verhältnissen wie am Ende der Weimarer Republik – wie sie nun von Einzelnen herangezogen werden – als es in der Auseinandersetzung zwischen den politischen Strömungen Hunderte Tote gegeben hatte, sind wir meilenweit entfernt. Wer mit Weimarer Verhältnissen droht, der übertreibt.

Welche Mitverantwortung an der schärfer gewordenen Auseinandersetzung an den politischen Flügeln trägt die AfD – tragen aber auch die anderen Parteien, die ziemlich rasch mit der «Nazi-Keule» auf die grösste Oppositionspartei im Bundestag einschlagen?

Ich kann keine groben Fehler im Umgang mit der AfD erkennen. Dass scharf argumentiert wird, gehört zum politischen Geschäft dazu. Ich kann die Beschimpfungen, die losgetreten werden, wenn der Thüringer Landeschef Björn Höcke spricht und sich mit gewagten Vergleichen in die Nähe der Nationalsozialisten begibt, nachvollziehen. Die AfD muss sich schon selbst fragen, warum sie sich von Leuten wie Björn Höcke nicht trennt. Ohne solche Exponenten böte die Partei ihren politischen Gegnern weniger Anlass, sie als Partei zu bezeichnen, die auch nationalsozialistische Töne von sich gibt. Natürlich betrifft dies nicht alle AfD-Politiker. Aber die Weinerlichkeit, die jetzt plötzlich in der AfD aufbricht – wir tun doch nichts Böses und trotzdem attackiert ihr uns dauernd –, die ist nicht akzeptabel, weil die AfD selber immer wieder durch Rechtsaussensprüche dafür sorgt, dass in der Gesellschaft Aggressivität entsteht.

In Brandenburg, Sachsen und Thüringen stehen Landtagswahlen an, die AfD könnte zur stärksten Partei werden. Sind die nächsten Wochen und Monate für das Land angesichts der sich verschärfenden Auseinandersetzung besonders heikel?

Ich sehe keinen Anlass für eine Dramatisierung. Der anstehende Wahlkampf hat mit dem Vorfall von Bremen überhaupt nichts zu tun. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob es ein Raubüberfall war, eine persönliche Fehde oder eine politische motivierte Gewalt. Aus dem Vorfall nun Schlüsse für die politische Kultur zu ziehen, ist völlig daneben.