USA

Kriegsschiff soll New Yorker retten: Doch können die 80 Intensivbetten die Metropole vor der Katastrophe bewahren?

Zum zweiten Mal nach 9/11 läuft der 70'000-Tonnen-Koloss USNS Comfort vor der beeindruckenden Skyline in New York ein. Im Hintergrund das One World Trad Center, das an der Stelle der Twin Towers gebaut worden war. (Bild: Keystone)

Zum zweiten Mal nach 9/11 läuft der 70'000-Tonnen-Koloss USNS Comfort vor der beeindruckenden Skyline in New York ein. Im Hintergrund das One World Trad Center, das an der Stelle der Twin Towers gebaut worden war. (Bild: Keystone)

240'000 Menschen werden in Amerika am Virus sterben, schätzen Experten. Donald Trump denkt derweil bereits darüber nach, Beatmungsgeräte ins Ausland zu exportieren.

Die USNS Comfort hat viele Krisen überstanden: Der 70000- Tonnen Kreuzer war als Spitalschiff im Zweiten Golfkrieg im Einsatz, diente der US-Armee als mobiles Krankenhaus im Irakkrieg und absolvierte humanitäre Missionen in Haiti und Puerto Rico. Anfang Woche nun lief der 272-Meter-Koloss für seinen wohl schwersten Auftrag im Hafen von New York City ein. Ein Kriegsschiff vor der Skyline der Wirtschaftsmetropole: Diesen Anblick gab es zuletzt nach dem 11. September 2001, als die USNS Comfort als schwimmende Notfallstation mithalf, die Terror-Opfer zu versorgen.

Doch das Leid, das New York nach 9/11 erlebt hat, dürfte von der Katastrophe überschattet werden, die der Stadt jetzt bevorsteht. Das Coronavirus grassiert in den inzwischen leeren Strassenschluchten der Stadt. Mehr als 1000 New Yorker sind bereits an Covid-19 gestorben. Spitalmitarbeitende berichten von «post-apokalyptischen Zuständen» in den Krankenhäusern. Und im Central Park, dem Stadtgarten der New Yorker, werden im Eiltempo Notfallzelte aufgebaut, um die schnell wachsende Zahl an Infizierten versorgen zu können.

New York, der glamouröse Nabel der Welt, wird zum Schauplatz einer medizinischen Horrorshow, mitverursacht von ihrem berühmtesten Einwohner, der seinen Wohnsitz temporär ins Weisse Haus in Washington verlegt hat: Donald Trump. Noch vor drei Wochen bezeichnete der US-Präsident das Coronavirus als «Falschmeldung» seiner politischen Gegner. Am Dienstagabend aber lenkte er ein. Bei der längsten Pressekonferenz seiner Amtszeit – 2 Stunden und 11 Minuten – gestand Trump: «Uns stehen schlimme Wochen bevor. Tausende Menschen werden sterben.»

Trump gibt sich Bestnoten im Umgang mit Corona

Die US-Regierung geht davon aus, dass Covid-19 zwischen 100'000 und 240'000 Menschen in Amerika den Tod bringen wird – sofern die Social-Distancing-Regeln eingehalten werden. Machen die Amerikaner einfach weiter wie bisher, könnten bis zu 2,2 Millionen Menschen sterben. Das Weisse Haus hat die 330 Millionen US-Bewohner deshalb dazu aufgerufen, die kommenden 30 Tage zuhause zu bleiben. Eine allgemeine Ausgangssperre gibt es in den USA noch immer nicht.

Laut Einschätzung von Gesundheitsexperten könnte dies aber bald nötig werden, wenn Amerika den Kollaps seines Gesundheitssystems verhindern will. Mehr als 190'000 Menschen haben sich bereits infiziert: fast doppelt so viele wie in Italien. Über 4000 Amerikaner sind gestorben. Und aus mehreren Bundesstaaten dringen Hilferufe ans Weisse Haus, endlich vorwärts zu machen mit den Hilfslieferungen. Die Spitäler in New Orleans, dem zweiten Virenherd nebst New York, sind überlastet. Es fehlt an Test-Kits, Schutzmasken und Intensivbetten. Die Stadt im Südstaat Louisiana wird kaum ein Einzelfall bleiben.

Donald Trump versucht derweil von Washington aus positive Töne in die Welt zu senden. Die USA führten mehr Tests durch als jedes andere Land und würden bald Beatmungsgeräte nach Europa liefern, verkündete der US-Präsident am Dienstag. Auf Twitter erwähnte er mehrfach die hohen Zuschauerzahlen seiner inzwischen täglichen Corona-Pressekonferenzen. Sich selbst gab er – auf die Frage einer Reporterin hin – zuletzt Bestnoten im Umgang mit der Krise.

Die Ankunft der USNS Comfort in New York bezeichnete er als «Nachricht der Hoffnung». Die Zahlen aber sind ernüchternd: Das Spitalschiff hat gerade mal 80 Intensivbetten und 12 Operationssäle. Das allein wird nicht reichen, um New York vor der Katastrophe zu bewahren.

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