Euklid Tsakalotos

Keynes und eine gute Prise Marx: Varoufakis übergibt an einen Freund

Der alte und der neue Finanzminister: Varoufakis und Tsakalotos bei der Amtsübergabe-Zeremonie in Athen am Montag.

Der alte und der neue Finanzminister: Varoufakis und Tsakalotos bei der Amtsübergabe-Zeremonie in Athen am Montag.

Rien ne va plus: Der umstrittene griechische Finanzminister Yanis Varoufakis muss gehen – sein Nachfolger Euklid Tsakalotos steht ihm wirtschaftspolitisch nahe. Er gilt jedoch als «netter» als Varoufakis.

Er war nicht einmal ein halbes Jahr im Amt und beinahe jeden Tag für eine Überraschung gut. Am Montagmorgen landete der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis seinen – vorerst? – letzten Coup. «Minister No More» – nicht mehr Minister, twitterte er um 7.31 Uhr. Damit hatte kaum jemand gerechnet. War Varoufakis nicht einer der grossen Sieger des Referendums? Hatte er seinen Rücktritt nicht für den Fall eines Ja zu den Sparauflagen angekündigt? Weshalb dann der Rücktritt jetzt, da eine Mehrheit der Griechen Nein gesagt hatte?

Varoufakis lieferte gleich selber eine Erklärung. Relativ rasch nach der Bekanntgabe der Ergebnisse des Referendums hätten ihm einige Mitglieder der Eurogruppe klargemacht, dass sie es vorziehen würden, wenn er nicht mehr an ihren Treffen teilnehme. Ministerpräsident Alexis Tsipras habe seinen Rücktritt als «potenziell hilfreich» betrachtet. «Wir von der Linken verstehen etwas davon, kollektiv zu handeln, ohne sich um Amtsprivilegien zu kümmern», schrieb Varoufakis weiter.

Tatsächlich war der Grieche das Enfant terrible in der Gruppe der Euro-Finanzminister. Er hatte von Anfang an provoziert. Sei es durch seine unkonventionellen Auftritte ohne Krawatte und mit über der Hose hängendem Hemd. Oder durch seine langen Referate, mit denen der Wirtschaftswissenschafter und Spieletheoretiker die Finanzminister zur Weissglut trieb. Zudem ging ihm jegliche Kompromissfähigkeit ab. Erst am Samstag hatte er den Geldgebern Griechenlands «Terrorismus» vorgeworfen und sie beschuldigt, auf ein Ja beim Referendum zu drängen, um die Griechen weiter demütigen zu können.

Schon im April entmachtet

Und nun tritt Varoufakis wenige Stunden nach seinem Triumph zurück, weil seine Amtskollegen ihn nicht mögen? Das ist nicht besonders glaubwürdig. Wahrscheinlicher ist, dass er von Tsipras zum Rücktritt gedrängt wurde. Der griechische Premier wusste schon lange, dass sein Finanzminister in Brüssel in Ungnade gefallen ist. Deshalb hatte er Varoufakis bereits Ende April teilweise entmachtet, indem er ihm zwei Unterhändler zur Seite stellte.

Verstehen sich gut: Yanis Varoufakis mit seinem Nachfolger Euklid Tsakalotos. (Archiv)

Verstehen sich gut: Yanis Varoufakis mit seinem Nachfolger Euklid Tsakalotos. (Archiv)

Nun sieht es ganz danach aus, als wäre Tsipras doch noch einmal an ernsthaften Verhandlungen mit den Gläubigern interessiert. Heute Dienstag will er in Brüssel neue Vorschläge präsentieren. Dabei kann er den Störenfried Varoufakis nicht brauchen. Neuer Finanzminister ist Euklid Tsakalotos – einer der beiden im April ernannten Unterhändler. Wie Varoufakis ist der Mann mit dem Vornamen des antiken griechischen Mathematikers Wirtschaftswissenschafter. Der 55-Jährige wurde in Rotterdam geboren, hat in Grossbritannien studiert und soll besser englisch als griechisch sprechen. Wirtschaftspolitisch hat er mit Varoufakis das Heu auf der gleichen Bühne: John Maynard Keynes mit einer Prise Karl Marx. Aber er gilt als umgänglicher, ruhiger und bescheidener als Varoufakis; Starallüren sind ihm fremd.

Abgesehen davon verstehen sich der alte und der neue Finanzminister aber offenbar gut. Er hoffe, dass Tsakalotos sein Nachfolger werde, sagte Varoufakis, als er gestern sein Ministerium verliess. Und auch gemeinsam auf dem Motorrad waren die beiden schon unterwegs.

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