Er versuchte alles, um die Kanzlerin in die Enge zu treiben, doch so richtig wollte das nicht gelingen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warf Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in dem mit viel Spannung erwarteten TV-Duell Fehler in der Flüchtlingskrise vor. «Sie haben in einem Interview gesagt», meinte er direkt zu Merkel gewandt, «Sie würden alles wieder gleich machen wie damals 2015. Dazu würde ich aber nicht raten.»

Schulz spielte auf die Zustände vom Spätsommer 2015 an, als Deutschland die Grenzen für hunderttausende von Flüchtlingen geöffnet hatte. Schulz’ Attacke gegen Merkel zielte nicht auf die grundsätzliche Politik, die in Not geratenen Menschen in Deutschland aufzunehmen.

Das TV-Duell Merkel – Schulz

Das TV-Duell Merkel – Schulz

ZDF, ARD, Sat.1 und RTL haben das TV-Wahlkampfduell übertragen. Moderiert hat für das ZDF Maybrit Illner, live aus dem Studio Berlin in Adlershof.

Vielmehr monierte der SPD-Herausforderer, dass Merkel die europäischen Partnerstaaten mit der Entscheidung von September 2015 vor vollendete Tatsachen gestellt habe, anstatt diese zuvor in die Politik der Grenzöffnung einzubinden. «Das sehe ich nun wirklich anders, und ich glaube, Herr Schulz weiss das auch», entgegnete die Kanzlerin. Und fügte hinzu: «Er sagt das, um einen kleinen Unterschied herauszuarbeiten.»

Das Dilemma von Schulz

Merkels Replik brachte das Dilemma das Herausforderers auf den Punkt: Schulz war bemüht, kleine Unterschiede zur Kanzlerin herauszuschälen, um sich den Wählern als Alternative zur seit 12 Jahren amtierenden Kanzlerin anzubieten. Doch so einfach ist das nicht, wenn man einer Partei angehört, welche während acht der vergangenen zwölf Jahre zusammen mit der Bundeskanzlerin das Land regiert hat. Zumal sich die SPD in der Flüchtlingskrise ziemlich loyal an die Seite der Kanzlerin gestellt hatte, das Aussenministerium war die vergangenen vier Jahre fest in der Hand der Sozialdemokraten.

Eine etwas schärfere Debatte entfachte sich an der Frage, wie mit der Türkei umzugehen ist. Inzwischen sitzen 14 deutsche Staatsbürger aus offenkundig politischen Gründen in türkischer Haft. Schulz unterstellte Merkel einen zu sanften Umgang mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. «Ich werde die Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU abbrechen, wenn ich Kanzler bin», kündigte Schulz an.

Das war eine Steigerung seiner vor etwa einer Woche vorgebrachten und letztlich von Merkel umgesetzten Drohung, die Ausweitung der Zollunion zwischen der EU und der Türkei zu blockieren. Merkel räumte ein, dass sich die Türkei «in atemberaubendem Tempo von demokratischen Gepflogenheiten» entferne, zudem, fügte sie hinzu, «sehe ich den Beitritt der Türkei nicht.» Allerdings unterstellte sie Schulz indirekt Populismus, weil dieser die wichtige Beitrittsfrage der Türkei in den Wahlkampf zu tragen versuche, um im Endspurt möglichst viele Stimmen holen zu können.

Letzte Hoffnung TV-Duell

Die Ausgangslage vor dem gestrigen TV-Duell konnte unterschiedlicher nicht sein. Hier die seit 2005 amtierende Merkel, deren Konzentration gestern darauf lag, den Schaden gegen den rhetorisch gewieften Herausforderer Schulz möglichst in Grenzen zu halten. Im Fussballjargon würde man davon sprechen, die Kanzlerin spielte am Sonntag auf Resultat halten.

Schulz und seine Partei sahen im gestrigen TV-Auftritt vor 15 bis 20 Millionen Zuschauern die letzte Chance, doch noch einmal Spannung in den bislang eher öden Wahlkampf zu bringen. Umfragen zufolge sollen bis zu 50 Prozent der Wahlberechtigten noch immer nicht sicher sein, welcher Partei sie am 24. September ihre Stimme geben sollen.

Genau auf diese Unentschiedenen zielte Schulz. Indes irritierte er mit seinen mehrfach vorgetragenen Verdankungen an die Adresse von Merkel und den Moderatoren. Im Gegensatz zu Schulz, der versuchte, auf Attacke zu schalten, zeigte sich Merkel selten emotional. Lediglich bei der Debatte um den Betrug in der Automobilindustrie sagte die Kanzlerin in für sie ungewohnten Worten: «Ich bin stocksauer.»

Den Fragen nach der künftigen Regierung wichen beide aus. Merkel betonte, die Union werde nicht mit der AfD arbeiten. Schulz hingegen wollte eine Neuauflage einer Grossen Koalition nicht ausschliessen. Schulz versuchte öfters, auf die soziale Ungleichheit in Deutschland zu verweisen, Merkel hingegen spielte ihre Rolle als Regierungschefin aus. Schulz verzettelte sich oft in Detailfragen. Einen Punktsieg gegen Merkel, der nötig gewesen wäre, um das Duell nochmal offen zu gestalten, hat er am Sonntag nicht eingefahren.