Immerhin: Die Schulen in Rom werden heute nach den Festtagen den Unterricht wieder aufnehmen. Das war bis gestern noch infrage gestellt. Weil auch in den Strassen rund um die meisten der insgesamt 3000 Schulgebäude der Stadt massenhaft Abfall herumlag, hatte der Präsident der Schulvorsteher, Mario Rusconi, am Freitag damit gedroht, dass einzelne Schulen geschlossen bleiben könnten: «Der Müll wird zunehmend zu einer Gefahr für die Gesundheit der Schüler», schrieb Rusconi. Denn angelockt vom stinkenden Hausabfall rund um die Schulen hätten sich über die Festtage auch schon Ratten in die Klassenzimmer verirrt.

Die Schulhäuser sind am Wochenende in einem von Bürgermeisterin Virginia Raggi eilends verordneten Sondereinsatz der Müllabfuhr von den Abfallbergen – einigermassen – befreit worden. Doch diese Notfall-Massnahme ändert wenig daran, dass sich die in Rom seit Jahren schwelende Müllkrise über die Festtage dramatisch zugespitzt hat. Der Grund: Zwei Wochen vor Weihnachten ist eine Abfallsortieranlage im Norden Roms in Flammen aufgegangen. Gleichzeitig wurde über die Festtage mehr Müll als üblich produziert. Das Resultat: In den Wohnquartieren und in der Peripherie überquellen die Abfallcontainer; um diese herum stapeln sich die stinkenden Müllsäcke zum Teil meterhoch.

Kompost auf dem Balkon

Und weil die städtische Müllabfuhr mit den täglich anfallenden 5000 Tonnen Hausabfall überfordert ist, sollen nun die Römerinnen und Römer selber Besen und Schaufel zur Hand nehmen. Das «Einbeziehen der Anwohner beim Sauberhalten der Strassen» ist in einem neuen Reglement vorgesehen, das Raggi morgen dem Stadtparlament vorlegen wird. Wo die Anwohner den Dreck hinbringen sollen, verrät das Reglement freilich nicht. Die Bewohner der Ewigen Stadt, die nach den Neapolitanern landesweit die zweithöchsten Abfallgebühren bezahlen, sollen ausserdem ermuntert werden, sich kleine Haus-Kompostieranlagen für den Balkon anzuschaffen.

Das neue Reglement ist eine politische Bankrotterklärung Raggis. Aber das Problem ist ein grundsätzliches: In der Drei-Millionen-Metropole existiert keine einzige Müllverbrennungsanlage. Bis vor wenigen Jahren wurde fast der gesamte Abfall Roms einfach auf die Deponie Malagrotta am Stadtrand gekarrt. Raggis Vorgänger Ignazio Marino hatte die seit Jahren laut EU-Regeln illegale Deponie zwar im Jahr 2013 verdienstvollerweise geschlossen – aber er vergass, eine Alternative zu entwickeln. Und auch die heute 40-jährige Raggi von der Protestbewegung Cinque Stelle hat zweieinhalb Jahre nach ihrer Wahl nicht einmal ansatzweise ein Konzept, wie die Müllkrise gelöst werden könnte.

Die einzige rationale Lösung wäre der Bau einiger moderner Müllverbrennungsanlagen. Doch davon will Virginia Raggi nichts wissen: Für sie und ihre Cinque Stelle sind die Öfen wegen der Abgase Teufelswerk. Raggis Rezept lautet: Müllvermeidung, Mülltrennung und Wiederverwertung zu 100 Prozent. Dass der Anteil des getrennt eingesammelten Abfalls in Rom bisher kaum mehr als 50 Prozent ausmacht, blendet die Bürgermeisterin einfach aus. Und so wird seit der Schliessung der Malagrotta-Deponie weiterhin mehr oder weniger der gesamte Römer Müll exportiert: zum grössten Teil in die Verbrennungsanlagen in Norditalien, aber auch ins Ausland. Das kostet die Stadt jedes Jahr Millionen.

Mafia dick im Geschäft

Rom ist mit seinen Problemen nicht allein: In ganz Süditalien herrscht ein dramatischer Mangel an Müllverbrennungsanlagen. Die wenigen Öfen vermögen bei weitem nicht den gesamten Abfall zu bewältigen. Der Rest verschwindet zum Teil in Deponien, wobei die Mafia insbesondere bei der Beseitigung des Sondermülls kräftig mitmischt. Aber auch in Norditalien werden seit 2013 keine neuen Verbrennungsanlagen mehr gebaut – und Vizepremier Luigi Di Maio (Cinque Stelle) hat unlängst verlangt, dass die bestehenden Anlagen eine nach der anderen stillgelegt werden.

«Wir stehen vor einem nationalen Notstand», betont Filippo Brandolini, Vizepräsident von Utilitalia, dem Dachverband der öffentlichen Entsorgungsbetriebe Italiens. Um diesem Notstand zu begegnen, müssten laut dem Abfall-Experten in Italien mindestens 4 Milliarden Euro in neue Anlagen investiert werden. Unter der populistischen Regierung aus Cinque Stelle und rechtsradikaler Lega scheint dies jedoch ausgeschlossen.allerdings das Geheimnis der Cinque-Stelle-Politikerin.