Enthüllungsbuch

«Im Vatikan lebt nur der Papst bescheiden»

«Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst» – Gianluigi Nuzzi.

«Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst» – Gianluigi Nuzzi.

Das neue Buch des Investigativ-Journalisten Gianluigi Nuzzi sorgt im Vatikan für Nervosität. Im Interview spricht er über die Missstände in der Kurie.

Herr Nuzzi, was sagen Sie zu den Verhaftungen des Kurienprälaten Vallejo Balda und der 33-jährigen PR-Fachfrau Francesca Immacolata Chaouqui, den beiden vatikanischen Maulwürfen?

Gianluigi Nuzzi: Mit Handschellen auf ein Buch zu reagieren, ist meiner Meinung nach ein abnormales Verhalten – ein Versuch, von den Problemen abzulenken, die im Buch aufgelistet werden. Andererseits verstehe ich eine gewisse Nervosität aufseiten des Vatikans angesichts des schwerwiegenden Inhalts der Dokumente, die im Buch verarbeitet werden.

Vatikansprecher Federico Lombardi hat auch gegen Sie und Ihren Kollegen Emiliano Fittipaldi, dessen neues Buch ebenfalls auf Indiskretionen beruht, schweres Geschütz aufgefahren. Im Vatikan scheint man Angst vor Ihrem Buch zu haben.

Ich hoffe, dass die Überreaktion nicht auf die Fakten im Buch zurückzuführen sind, sondern bloss auf die Frustration darüber, dass die Mauern des Vatikans nicht mehr so dichthalten wie einst und die Dokumente jetzt öffentlich werden. Als Journalist kann ich auf derartige Empfindlichkeiten natürlich keine Rücksicht nehmen.

Bei den jüngsten Indiskretionen handelt es sich bereits um das zweite «Vatileaks» nach jenem um den ungetreuen Butler von Papst Benedikt XVI. Sind es immer noch dieselben Kreise, die hinter der Weitergabe von vertraulichen Dokumenten stecken?

Es sind immer noch Personen, die sich voll und ganz für die Kirche und den Papst einsetzen und die ein Unbehagen verspüren, weil sie sehen, dass die Reformen ihres obersten Arbeitgebers behindert werden. Der Butler Paolo Gabriele erlebte einen isolierten Papst, dem wichtige Informationen vorenthalten wurden und der nicht auf die Krise reagieren konnte.

Und die neuen Maulwürfe?

Franziskus stand bei seinem Amtsantritt vor gewaltigen Problemen und wollte diese lösen. Aber wie schon Benedikt wurde und wird auch er massiv behindert. Zugleich versuchen seine Gegner, seine Autorität zu beschädigen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht – sogar eine Falschmeldung über einen Gehirntumor des Papstes.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einem regelrechten «Krieg» in der Kurie, von Geldverschwendung und Korruption. Wie äussert sich diese?

Sagen wir es so: Es gibt eine Gruppe von Kurienkardinälen, die in Wohnungen mit 500 Quadratmetern residieren. Der Einzige, der im Vatikan in einer 50-Quadratmeter-Wohnung lebt, ist der Papst. Die Kardinäle sind die Chefs der Dikasterien, sie regieren die Kurie. Sie müssten die Reformen von Franziskus umsetzen. Daran haben sie aber kein Interesse, weil sie dabei viel zu verlieren haben. Stattdessen wurden sogar Spenden für wohltätige Zwecke zum Stopfen der Finanzlöcher in der Kurie abgezweigt.

Sie zeichnen ein düsteres Bild: Bei den Vatikan-Finanzen mangle es «beinahe vollständig an Transparenz», die Kosten seien «ausser Kontrolle» und der Kirchenstaat befinde sich eigentlich «nahe am Bankrott». Hat sich unter Franziskus in den zweieinhalb Jahren seines Pontifikats denn wirklich nichts gebessert?

Die geschilderten Zustände sind im Revisorenbericht enthalten, den Franziskus kurz nach seiner Wahl anfertigen liess. Es handelt sich somit um eine Momentaufnahme beim Beginn des Pontifikats. Aber nun ist der eingeschlagene Weg positiv. Ohne die mannigfachen Widerstände in der Kurie hätte Franziskus freilich noch viel mehr erreichen können.

Wie stark ist Ihrer Meinung nach die Position von Franziskus im Kirchenstaat? Ist er wirklich «einsam unter Wölfen», wie es im Buch eines italienischen Vatikankenners heisst?

Das tönt natürlich suggestiv. Die Wölfe gibt es. Aber es gibt im Vatikan auch Leute, die den Papst bei seinen Reformen unterstützen.

Nach dem ersten «Vatileaks» erlebte die Kirche den ersten Papstrücktritt nach 700 Jahren – wie wird es diesmal enden?

Ich glaube nicht, dass Franziskus zurücktreten wird. Die Zeiten haben sich geändert, Jorge Bergoglio hat viel frischen Wind in die Kirche gebracht. Er will nicht nur die Kurie ändern, sondern vor allem die Mentalität. Das braucht Zeit, aber Franziskus wird nicht aufgeben.

«Alles muss ans Licht. Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes» erscheint heute im Ecowin-Verlag Salzburg (ISBN 978-3-7110-0085-9 / E-ISBN 978-3-7110-5146-2).

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