«Wo ist Frontex?» Unter dieser Frage sammeln Hilfsorganisationen auf Twitter seit dem Osterwochenende ihre Entrüstung über die Situation auf dem Mittelmeer. Sie fühlen sich von den Seerettern der EU allein gelassen in ihrem Kampf, Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten. Zurecht, wie das vergangene Osterwochenende zeigte: Allein zwischen Karfreitag und Ostersonntag wurden 8500 Bootsflüchtlinge in Sicherheit gebracht. Vor allem Schiffe von Hilfsorganisationen und der italienischen Küstenwache sowie Handelsschiffe nahmen die Menschen an Deck.

Die allermeisten der Flüchtlinge waren zuvor in Libyen gestartet und wollten übers Meer nach Italien. Wegen der guten Wetterprognosen hatten die Schlepper in Nordafrika ein gutes Geschäft gewittert und setzten die Menschen zu Hunderten auf Schlauch- und Holzboote – und brachten sie damit in Lebensgefahr.

Die Seeretter gaben alles, die Schiffscrew eines deutschen Hilfswerks geriet sogar selbst in Seenot, weil sie zu viele Menschen an Bord genommen hatte. Andere eilten zu Hilfe. Nur von den Schiffen unter der Verantwortung der Agentur zum Schutz der EU-Aussengrenze Frontex fehlte jede Spur. Triton, wie die Frontex-Mission im zentralen Mittelmeer heisst, wird seit Ende 2014 in erster Linie zur Bekämpfung der illegalen Einwanderung eingesetzt. Trotzdem sind die Triton-Crews auch zur aktiven Seenotrettung verpflichtet. Das gebietet allein schon das internationale Seerecht.

Die Hilfsorganisationen kritisierten die EU-Grenzschützer und Triton scharf. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Rom äusserte sogar den Verdacht, die EU-Seeretter hätten Osterferien gemacht, statt die angesagte Schönwetterfront ernst zu nehmen und sich auf Rettungseinsätze vorzubereiten.

Zwei Frontex-interne Situationsberichte liegen der «Nordwestschweiz» vor. Sie nähren den Eindruck, die EU-Seeretter seien weit von einer Beteiligung an der grossen Rettungsaktion entfernt gewesen. Noch am Ostermontag wusste Frontex jedenfalls nichts davon, dass die Zahlen der aufgegriffenen Bootsflüchtlinge übers Wochenende in die Höhe geschnellt waren.

Haben die EU-Seeretter also die guten Wetterprognosen ignoriert und die Einsatzkräfte in die Osterferien geschickt? «Stimmt alles nicht», heisst es bei der Frontex-Zentrale in Warschau. «Alle unsere elf Schiffe nahmen bei den letzten Rettungseinsätzen teil», schreibt ein Sprecher. Allerdings koordiniere die italienische Leitstelle zur Seenotrettung in Rom die Rettungsmission Triton im zentralen Mittelmeer – und nicht Frontex selbst. In der Logik von Frontex waren die Triton-Schiffe am Wochenende also nur am falschen Ort.

Fluchthelfer versus Abschrecker

Die Vorwürfe der Hilfsorganisationen aber gehen viel tiefer. Die EU-Seeretter würden nicht alles Notwendige unternehmen gegen das Sterben auf dem Mittelmeer, so die Kritik. Denn auch in diesem Jahr sind bereits mehr als 900 Menschen ums Leben gekommen oder werden seit dem Versuch, das Mittelmeer zu überqueren, vermisst. 850 sind es allein auf der Route zwischen Libyen und Süditalien.

Die Schlacht um Deutungshoheit auf dem Mittelmeer geht allerdings in beide Richtungen. Auch Frontex deckt die Hilfsorganisationen mit Vorwürfen ein. So kritisierte der Frontex-Direktor Fabrice Leggeri Ende Februar, wie nah an der libyschen Küste die Hilfsorganisationen operierten. Diese Flüchtlingshelfer würden mit ihrem Aktivismus in die Hände der Schlepper spielen, so Leggeri. Der Grund: Wissen Schlepper, dass ihre Kunden noch in libyschen Gewässern gerettet werden, können sie diese auf noch schlechter ausgerüstete und damit billigere Boote setzen.

Auf der einen Seite werden Hilfswerke und Idealisten also zu Komplizen von Schleppern degradiert; zu Mitschuldigen am Exodus nach Europa gewissermassen. Auf der anderen Seite werden die Grenzschützer der EU zu unbarmherzigen Türstehern Europas gemacht. Sie würden ertrunkene Flüchtlinge in Kauf nehmen, in der Hoffnung, ihr Tod würde andere Flüchtlinge davon abhalten, es ebenso übers Mittelmeer zu wagen.

Hinter all dem steckt ein ideologischer Grabenkampf. Die Hilfsorganisationen setzen sich schon lange für legale und sichere Fluchtwege ein. Das würde nicht nur Menschenleben retten, sondern auch das Geschäft der Schlepper zerstören, so ihr Argument. Frontex auf der anderen Seite ist als EU-Agentur der verlängerte Arm der europäischen Regierungen. Und diese wollen vor allem eins: sich das Flüchtlingsproblem vom Hals halten.