Italien

Heimfahrt ins Verderben: Das Erdbeben ereignete sich in der Hauptferienzeit

Ferragosto ist Hauptferienzeit. Die Italiener zieht es dann in ihr «Paese». Ist das der Grund für die steigenden Opferzahlen?

«Evento annulato» steht im OnlineKalender. «Veranstaltung abgesagt» – am Wochenende hätte die Sagra degli Spaghetti all’Amatriciana stattfinden sollen. Die Teigwaren an der speziellen Sauce mit Speck und Pecorino-Käse stammen aus Amatrice. Das Volksfest zu Ehren der lokalen Spezialität ist ein Höhepunkt und hätte in diesem Jahr bereits zum 50. Mal stattfinden sollen.

Nun liegt die Altstadt in Trümmern. Allein in Amatrice könnten mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen sein. Gut möglich, dass weniger Opfer zu beklagen wären, hätte die Erde zu einer anderen Jahreszeit gebebt. Doch es ist August, Hauptferienzeit in Italien. Ferragosto nennen es die Italiener, womit eigentlich der Feiertag am 15. August gemeint ist.

Die Italiener planen in den Tagen und Wochen darum herum üblicherweise ihre Sommerferien.
Das erklärt, weshalb sich im 2600-Seelen-Städtchen Amatrice zum Zeitpunkt des Bebens mehr Menschen als üblich befanden.

Auch ein Hotel ist eingestürzt

Ferragosto bedeutet Ausnahmezustand in ganz Italien. Das Geschäftsleben steht praktisch still. Nie kosten Hotelübernachtungen mehr, nie sind die Strände voller. Dann kehren die Italiener den grossen Städten den Rücken und gehen ans Meer, in die Berge und in ihre Heimatdörfer.

In ihr Paese. Amatrice hat sich über die Jahrzehnte enorm entvölkert. Weit mehr Italiener haben dort noch ihre Wurzeln, vielleicht ein Haus oder gar Verwandte, als im Städtchen selbst leben. Und das Klima soll angenehm sein. Wohltuend kühl für die Städter aus dem nahen Rom, das sich im Sommer zu einem glühenden Ofen verwandelt.

In den Hügeln liegend, fällt die Temperatur in Amatrice in der Nacht gut und gerne auf zehn Grad. So auch in der Nacht nach dem Beben, als Hunderte unter freiem Himmel froren.
Nicht nur Heimgekehrte waren in Amatrice auf Besuch, sondern auch viele Touristen. Ein ganzes Hotel fiel beim Beben in sich zusammen. Über das Schicksal von 28 der 32 Gäste war zunächst nichts bekannt. Fünf Rumänen und ein Spanier sollen unter den Todesopfern sein. Über allfällige Schweizer Opfer hatte das Aussendepartement EDA gestern keine Kenntnis.

Das Herz schlägt fürs Paese

Kaum in einem anderen Land ist das Heimweh so ausgeprägt wie in Italien. Und nirgendwo sonst hat die Heimatverbundenheit grössere Wanderungsbewegungen an Feiertagen zur Folge. Die Gründe liegen in den regionalen wirtschaftlichen Unterschieden. Es klafft ein tiefer Graben zwischen dem hoch industrialisierten Norden und dem unterentwickelten Süden. Auch die Unterschiede zwischen den hochkompetitiven Städten und dem ländlichen Hügelland, das sich über den gesamten Stiefel zieht, sind immens.

Für Ausbildung und Job ziehen deshalb viele junge Italiener in den Norden, in die Städte. Doch Eltern schicken ihrem Nachwuchs nicht selten Eingemachtes, Olivenöl oder Fleisch in die teuren Städte. Die Heimatverbundenheit der Italiener hat aber nicht nur praktische Gründe. Es gilt das Sprichwort «Moglie e buoi, dei paesi tuoi». Übersetzt «Such dir Frau und Ochsen in deinem Dorf», ist es fest verankert in der italienischen Gesellschaft und bedeutet, dass man das Beste in der Heimat findet.

Die Italiener nehmen sich das zu Herzen. Die gross angerichteten Spaghetti all’Amatriciana hätten ein Festschmaus mit Daheimgebliebenen, Zurückgekehrten und Feriengästen werden sollen. Nun wird das Gericht zu einem Symbol für eine Katastrophe.

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