Falls jemand in Smila nicht in der Lage sei, eine Entscheidung zu fällen, oder Angst habe, die Plomben zu zerreissen, dann nehme er die Sache in die Hand, verkündete Petro Poroschenko dieser Tage. «Gebt den Leuten schleunigst Gas und Wärme! Auf meine Verantwortung! Ihr habt ein paar Stunden!» Der ukrainische Staatschef gibt sich neuerdings sehr entschlossen. Aber Poroschenko hat ein grosses Problem: Die Ukrainer glauben ihm nicht mehr.

Heute jährt sich zum fünften Mal der Beginn der Maidan-Revolution. Am 21. November 2013 gingen in Kiew zweitausend Bürger, darunter viele Studenten, auf die Strasse. Aus Protest gegen die Entscheidung der Regierung des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch, die praktisch schon abgeschlossenen Verhandlungen über einen Assoziierungsvertrag mit der EU zu stoppen. Die Protestbewegung, die sich auf dem Maidan, dem zentralen Platz Kiews, versammelte, wurde deshalb auch Euro-Maidan getauft. Aber sie eskalierte zu einem Massenaufstand gegen Janukowitsch, gegen die Willkür, Korruption und Putin-Nähe seines Regimes. Und sie gipfelte im Februar 2014 in blutigen Strassenschlachten mit der Polizei, bei denen über hundert Menschen, meist Maidan-Anhänger, ums Leben kamen. Am Ende floh Janukowitsch nach Russland. Der 1,6 Milliarden Dollar reiche Schokoladenfabrikant Poroschenko, der den Euro-Maidan unterstützt hatte, wurde im Mai 2014 zu seinem Nachfolger gewählt.

Wählerschaft ist frustriert

Fünf Jahre danach herrscht in Kiew Frust. «Die Versprechungen von damals wurden nicht erfüllt. Die Macht kam nach dem Maidan nicht wirklich in neue Hände», sagt der Politologe Wadim Karasew zu dieser Zeitung, «sondern wechselte nur von den einen Oligarchen zu den anderen.» Jetzt ist das Regime prowestlich und korrupt. Poroschenko gilt als Zauderer, der Wirtschaftsreformen verschleppte und der Oligarchie seiner Milliardärskollegen nie ernsthaft den Kampf ansagte. Und im März 2019 wird ein neuer Präsident gewählt, schon vor dem offiziellen Beginn des Wahlkampfes rangiert der Amtsinhaber in den Umfragen nur auf dem Platz 3 der Liste wahrscheinli- cher Kandidaten, mit kläglichen 10,3%. Ausser seiner Hauptkonkurrentin, der populistischen Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko mit 20,7%, liegt auch noch der Quereinsteiger Wolodimir Selenski mit 11,4% vor Poroschenko, ein TV-Star und Komiker mit der Wahlkampfparole: «Ich scherze nicht.»

Aber einem Grossteil der Ukrainer ist nicht zum Lachen zumute, angesichts eines Durchschnittsmonatsgehalts von knapp 220 Euro und eines Bruttoinlandprodukts von heuer voraussichtlich 2820 Dollar pro Kopf – 2013 waren es noch knapp 4000 Dollar. Zumal die Gaspreise für die Bevölkerung sich seit damals mehr als verachtfacht haben. Und für kommendes Jahr kündigte das Wirtschaftsministerium einen weiteren Anstieg von umgerechnet 26 auf 39 Cent pro Kubikmeter an. Was nützen da Poroschenkos Rettungstaten für das Städtchen Smila, wo ein Grossteil der Heizungen wegen von den Behörden nicht bezahlter Gasrechnungen vergangene Woche drei Tage kalt blieben? Seine Wählerschaft ist frustriert. Viele Ukrainer, die vor fünf Jahren für europäische Zustände in ihrem Land auf die Strasse gegangen sind, verzweifeln. Auchan Poroschenkos wahrscheinlichen Mitbewerbern. Hauptkonkurrentin Timoschenko – die ihm jetzt genüsslich vorwirft, er habe Gasförderlizenzen an seine persönliche Masseurin verschenkt – war auch einmal Revolutionsheldin, die «Prinzessin» des ersten, friedlichen Maidan 2004. Danach verwickelte sie sich als Premierministerin ebenfalls in diverse Korruptionsskandale.

Die junge ukrainische Gesellschaft sucht vergeblich nach einem jungen, integren Politiker, der bereit wäre, ihre Hoffnungen in den Präsidentschaftswahlkampf zu tragen. Bezeichnend, dass Swjatoslaw Wakartschuk, Sänger der patriotischen Kultband Okean Elsi, aber politisch ein Anfänger, mit 5% noch zu den aussichtsreicheren Kandidaten zählt. «Auch das politische System ist nicht reformiert», sagt Politologe Karasew. Das Geld und die Massenmedien seien weiter in der Hand der Oligarchen. Jeder Politiker, der Wahlen gewinnen wolle, müsse sie um Hilfe bitten. «Ohne Sponsor hast du in der ukrainischen Politik keine Chance.» Auch wenn im März jemand anderes Poroschenko aus dem Amt verdrängen würde, das Karussell der Oligarchen dreht sich weiter, statt zusammenzubrechen.

Angst und Misstrauen

Und es herrscht Rätselraten, welche politischen und wirtschaftlichen Kräfte tatsächlich hinter welchem Kandidaten stehen. Etwa hinter Selenski, dem TV-Komiker. Er wird mit verschiedenen milliardenschweren Geldgebern in Verbindung gebracht. Diese wiederum gelten zum Teil als Gegner, zum Teil als heimliche Kumpane des feindlichen Nachbarn Russland. In Kiew geht die Sorge um, dass der Kreml ausser offen prorussischen Kandidaten wie Juri Boiko, dem Fraktionschef des «Oppo-Blocks» im Kiewer Parlament, auch diverse andere Kandidaten finanziert. Wenjamin Benediktow, Chefredaktor von «Echo Moskwy», und einer der best informierten Journalisten Russlands, vermutet, dass sogar Timoschenko, verbal eine erbitterte PutinGegnerin, mit dem Kreml mauschelt.

Die ukrainische Wählerschaft beäugt das wahrscheinliche Personal dieser Wahlen und seine möglichen Hintermänner mit Misstrauen oder sogar Angst. «Auf Facebook herrscht Hysterie. Ein Teil der demokratischen Szene ist in Panik geraten, befürchtet, dass uns am Ende nur die Wahl zwischen geheimen Strohmännern Putins bleibt», sagt der krimtatarische Blogger Aider Muschdabajew. Ein anderer Teil aber sei trotzig gestimmt: «Wenn wirklich einer Präsident wird, der versucht, die Wende rückwärts Richtung Russland zu machen, gehen wir wieder auf die Strasse.» Dann könnte es in Kiew einen dritten Maidan geben.