Ein Jahr danach

Fotografin Kardava schoss das Symbolbild der Brüssel-Anschläge: «Es ist immer noch ein Albtraum»

Das Foto, das um die Welt ging: Die Journalistin Ketevan Kardava dokumentierte die Folgen des Terroranschlags im Brüsseler Flughafen.

Das Foto, das um die Welt ging: Die Journalistin Ketevan Kardava dokumentierte die Folgen des Terroranschlags im Brüsseler Flughafen.

Die Journalistin Ketevan Kardava machte das Foto, das zum Symbolbild der Anschläge wurde — es hat ihr Leben auf den Kopf gestellt.

Es ist kurz vor 8 Uhr am Morgen des 22. März 2016. Die georgische Journalistin Ketevan Kardava steht in der Ankunftshalle des Brüsseler Flughafens Zaventem und scrollt durch ihr Facebook. Sie wartet darauf, dass die Frau von Brussels Airlines ihr das Ticket ausstellt. Das Ziel ist die Schweiz, besser gesagt Genf, wo seit dem bewaffneten Konflikt um die georgische Teilrepublik Südossetien regelmässig Gespräche zwischen Georgien und Russland stattfinden. Kardava soll als Brüsseler Korrespondentin des georgischen Fernsehens darüber berichten. Ihr Kameramann David ist bereits dort.

Doch so weit kommt es nicht. Die Explosion, mit der sich der erste der beiden Selbstmordattentäter in die Luft sprengt, findet nur wenige Meter von ihr entfernt statt. Etliche Menschen werden zu Boden geschleudert, bleiben tot oder verwundet liegen, andere rennen in Panik durcheinander. Wenige Sekunden später erfolgt die zweite Detonation. «Da war mir klar, dass es sich um einen Terroranschlag handelt», so Kardava.

Aus Instinkt gehandelt

Ketevan Kardava: «Ich glaube, dass es mein Schicksal war»

Ketevan Kardava: «Ich glaube, dass es mein Schicksal war»

Sie selbst bleibt wie durch ein Wunder unverletzt und flüchtet in einen Fotoautomaten. Dort bleibt sie etwa 40 Sekunden, bis sie sich wieder hinauswagt. Kardava: «Überall war Rauch und Staub, Arme und Beine lagen auf dem Boden, Verletzte schrien um Hilfe». Dann macht die 37-Jährige etwas, über dessen Tragweite sie sich erst später bewusst wird. Sie greift zu ihrem Handy und schiesst während einer Minute zwölf Fotos.

Die Bilder zeigen Menschen in Blutlachen, zwei Frauen sitzen auf einer Bank, die eine mit zerfetztem Hemd und staubbedecktem Gesicht. Kardava: «Ich war mir in diesem Moment nicht wirklich bewusst, was ich tat. Ich handelte nach meinem journalistischen Instinkt.» Wenig später lädt sie die Fotos auf Twitter hoch und schreibt dazu: «Terrorangriff in Brüssel-Airport – bitte helft uns».

Wiedersehen mit den «Foto-Helden»

Als ihr Telefon im Verlaufe des Tages unentwegt zu klingeln beginnt und sie Mails und Anrufe aus aller Welt erhält, realisiert sie langsam, was geschieht. «Es war sehr schwierig für mich in diesem Moment. Ich dachte an meine 16-jährige Tochter, die zu dieser Zeit in der Schule war, und an meine Eltern in Tiflis.» Am späten Abend, als sie vom Flughafen endlich zu Hause ist, beginnt sie, die Nachrichten zu durchforsten, und stösst überall auf ihre Fotos. «Ich wollte unbedingt und so schnell wie möglich wissen, wer die Menschen darauf sind und wie es ihnen geht», so Kardava. Doch bis sie Genaueres erfährt, dauert es.

Heute hat sie sämtliche ihrer «Foto-Helden», wie Kardava sie nennt, wieder getroffen. Das war ihr das wichtigste Anliegen überhaupt. Am Sonntag das erste Mal Nidhi Chaphekar, der Frau mit dem zerfetzten Hemd. Kardava: «Als mir Nidhi gesagt hat, dass sie nach Belgien an die Trauerfeier kommt und mich sehen und mit mir den Tag verbringen wolle, war das der glücklichste Moment in meinem Leben.» Denn unter den vielen Reaktionen, die sie erhalten hatte, waren auch einige, die ihr vorwarfen, respektlos zu sein und vom Leid dieser Menschen zu profitieren. «Das war für mich sehr schwierig», so die zierliche Georgierin. Auch wenn sie äusserlich keine Verletzungen davontrug, sei auch sie beschädigt worden. Der 22. März 2016 und die Bilder dieses Tages seien ein Albtraum, der nicht zu Ende gehe und an den sie sich jeden Tag erinnere. Dass ihr Nidhi Chaphekar versicherte, sie habe das Richtige getan, und dass sie ihr sogar dankbar sei, war für sie eine grosse Erleichterung.

Das Bild als Lebenszeichen

Im Gespräch habe ihr die indische Flugbegleiterin erzählt, dass ihr Mann und ihre Kinder nur dank dem Foto erfahren hätten, dass sie zwar verletzt, aber am Leben war. Während der ersten zehn Stunden, in denen sie im Krankenhaus behandelt wurde, sei ihre Familie
in Indien dagegen ganz ohne Nachricht geblieben. Auch mit «Foto-Held» Sebastien Bellin, einem ehemaligen belgischen Basketball-Profi, den sie als einen der Ersten am Krankenbett besuchte, verbindet Kardava nun eine «tiefe Freundschaft», die sie täglich pflege.

Über die heutige Trauerfeier sagt die Journalistin, dass «es sicher sehr emotional werden wird». Sie wolle für alle jene beten, die bei den Anschlägen Familienangehörige verloren hätten. Ihren Beruf an den Nagel zu hängen, sei ihr aber nie in den Sinn gekommen. Im Gegenteil: Ihre Erfahrungen würden es ihr erlauben, über Terroranschläge mit einem anderen Blickwinkel zu berichten und sich in die Opfer und Augenzeugen einzufühlen, so Ketevan Kardava.

Auch wenn sie niemandem wünsche, das mit anzusehen, was sie gesehen habe, würde sie wieder so handeln. «Ich glaube, dass es meine Aufgabe und mein Schicksal war. Für moralische Überlegungen hatte ich schlicht keine Zeit.»

Meistgesehen

Artboard 1