Interview

Flüchtlingskrise auf den griechischen Inseln: «Wir können nicht mehr!»

Proteste gegen geplante neue Auffanglager für Flüchtlinge: Die Inseln der Ägäis rebellieren gegen die Athener Politik.

Proteste gegen geplante neue Auffanglager für Flüchtlinge: Die Inseln der Ägäis rebellieren gegen die Athener Politik.

Kostas Moutzouris, der Gouverneur der Nord-Ägäis, hat genug von der Athener Flüchtlingspolitik und nimmt die Zügel in die eigene Hand. Derweil protestieren Bewohner gegen neue Auffanglager.

Der Flüchtlingsstrom auf den griechischen Inseln hat in den beiden ersten Monaten des Jahres eine neue Dynamik angenommen. Griechenlands Regierung, die anfangs das Problem falsch eingeschätzt hatte und erst vor fünf Wochen das Asyl- und Migrationsministerium reaktivierte, möchte nun neue Auffanglager auf den Inseln errichten. Die Inselbewohner laufen dagegen Sturm. Die griechische Polizei geht mit Tränengas gegen die Demonstranten vor.

An vorderster Front gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik kämpft der Regionalgouverneur der Nord-Ägäis, Kostas Moutzouris. Die Zusammenarbeit mit der Zentralregierung in Athen hat er kurzerhand aufgekündigt.

Zwei Drittel sehen Flüchtlinge als Bedrohung

Vergangene Woche weilte Moutzouris in Brüssel, um Druck zu machen und um Unterstützung zu werben. Er will, dass die Migranten auf das Festland übergesiedelt werden und der Grenzschutz verstärkt wird.

Laut einer Umfrage unter den ägäischen Inselbewohnern nehmen zwei von drei Befragten die Flüchtlinge als Bedrohung war. Jeder zweite macht das lasche Handeln Athens für die Situation verantwortlich. «Es kann nicht sein, dass die Regierung den Insulanern etwas aufzwingt, was die lokale Bevölkerung nicht willkommen heisst», sagt Moutzouris. «Wir haben jetzt fünf Jahre lange vieles geduldet, sind aber an unsere Grenzen gelangt. Wir können nicht mehr! Die Regierung muss uns von diesem Joch befreien.» Wie dramatisch die Lage ist, erläutert Moutzouris im Interview:

Asylminister Notis Mitarakis hat mit den Vorbereitungen zur Errichtung neuer Auffanglager auf den Inseln begonnen. Bahnt sich da ein Grabenkampf mit der Zentralregierung an?

Kostas Moutzouris: Es kann nicht sein, dass die Regierenden in Athen unsere Befindlichkeiten nicht berücksichtigen. Seit fünf Jahren müssen 200000 Insulaner ihren Kopf hinhalten, damit der Rest Griechenlands und die übrigen Europäer nicht von dem Problem tangiert werden. Wir werden weiter für unsere Rechte kämpfen.

Viele europäische Länder sträuben sich gegen die Umverteilung der Asylsuchenden. Wie wollen Sie das ändern?

Die meisten Europäer haben sich mit der Situation abgefunden, weil das Problem ganz weit entfernt von ihnen ist. Aber: Die Kapazitäten auf den Inseln werden jetzt schon gesprengt. Die Regierung möchte das Problem auf das ägäische Terrain begrenzen, damit sie die Wählerschaft auf dem Festland nicht vergrault. Das ist heuchlerisch und inakzeptabel.

Das Verständnis für Ihre Situation scheint dennoch vielerorts vorhanden. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz hat gesagt, dass man Griechenland nicht allein lassen werde.

Mit solchen Sympathiebekundungen kann man nicht viel bewegen. Es gab auch Vorstösse von deutschen Politikern, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen, die aber nie umgesetzt wurden. Die einzige Unterstützung, die wir wirklich spüren, ist jene der hier aktiven Nichtregierungsorganisationen (NGOs), deren Treiben auch nicht immer unumstritten ist.

Was machen die denn falsch?

Es gibt viele NGOs, die nicht registriert sind und die das Geschäft der Schleuser eher fördern, als unterbinden. Sie haben in der Flüchtlingswelle ein neues, lukratives Geschäftsfeld entdeckt, welches sie ohne Skrupel ausnutzen. Die EU-Abgeordnete Elisa Vozenberg hat die Zahl der Organisationen, die sich mit den Flüchtlingen befassen, auf 450 beziffert. Unter anderem blockieren sie den Wohnungsmarkt, indem sie hohe Mieten für die Unterkünfte zahlen, was für sozialen Unmut sorgt.

Der Historiker Antonis Liakos hat neulich gesagt, Griechenland sei aufgrund der stetig sinkenden Geburtenrate auf eine Million Migranten angewiesen, um wirtschaftlich zu überleben. Was sagen Sie dazu?

Dass Griechenland und viele andere europäische Länder ein demographisches Problem haben, ist unumstritten. Griechenland hat Anfang der 1990er Jahre fast eine Million Migranten aus dem ehemaligen Ostblock, vorrangig Albaner, aufgenommen und grösstenteils auch integriert. Man kann aber nicht die jetzigen Migrationsströme mit den damaligen vergleichen, zumal nun Leute aus ganz anderen kulturellen und religiösen Kreisen kommen, deren Integration schwer umzusetzen ist.

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