Deutschland

Fels in der Coronabrandung: Vor kurzem noch abgeschrieben, ist Kanzlerin Angela Merkel heute beliebt wie nie zuvor

Plötzlich auf dem Höhepunkt ihrer Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Plötzlich auf dem Höhepunkt ihrer Macht: Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In der Corona-Krise stellen sich die Deutschen hinter ihre Kanzlerin. Angela Merkels Beliebtheitswerte schiessen durch die Decke. Doch das dürfte nur eine Momentaufnahme sein.

Noch vor wenigen Monaten hätte man vermutlich gutes Geld verdient, wenn man auf den Fortbestand der deutschen Regierung bis zu den regulären Wahlen im Herbst 2021 gewettet hätte. Die taumelnde SPD setzte sich mit Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken gerade zwei Politiker an die Spitze, welche die Grosse Koalition mit Angela Merkel am liebsten heute als morgen aufgekündigt hätten.

Die Union aus CDU und CSU fiel in Umfragen unter die 30-Prozent-Marke und war fast gleichauf mit den Grünen. Bei den Bürgerlichen ging das Gespenst eines Grünen Bundeskanzlers Robert Habeck umher.

72 Prozent stehen hinter Merkel

Ende Mai sieht die Welt im Berliner Politbetrieb ganz anders aus. Angela Merkel, seit 2005 im Amt und nunmehr in ihrer vierten Amtszeit, ist beliebt wie kaum jemals zuvor. 72 Prozent sprechen der 65-Jährigen ihr Vertrauen aus. Auch die Regierungsparteien CDU und CSU kommen auf Werte von nahezu 40 Prozent. Es klingt wie aus einer anderen Zeit. Die SPD ist mit 15 Prozent zwar noch immer schwach, kann den Fall ins bodenlose aber aufhalten.

Merkel profitiert davon, dass Krisen-Zeiten meist Zeiten der Exekutive sind. Die unsichtbare Bedrohung und erschütternde Bilder aus Italien führten beim Gros der Bevölkerung zur Erkenntnis, dass es sich bei Corona eben nicht um eine gewöhnliche Grippe handelt. Das Vertrauen in die Handelnden der Regierung stieg schlagartig.

Früh zugemacht - und früh wieder geöffnet

Dieses ist weiterhin hoch, auch weil Deutschland bislang gut durch die Krise gekommen ist. Trotz mehrerer Lockerungsschritte wird die Pandemie zurückgedrängt, der sogenannte R-Wert liegt bei 0,82. Deutschland hat früh auf die Bedrohung durch Corona reagiert, baute das Angebot an Intensivbetten deutlich aus, testete breit und verhängte früh den Lockdown, aus dem es nun früher als andere Länder wieder schrittweise herausfindet. Die Zahl der Todesopfer durch Covid-19 ist in dem 83-Millionen-Land mit 8007 gering. Und: Das Parlament sprach im Eiltempo Bundeshilfen für Wirtschaft und Kultur in schwindelerregender Milliarden-Höhe aus.

Merkels Zustimmung ist nicht zuletzt deshalb so hoch, da sie besonnen agierte. Sie vermeidet im Zusammenhang mit Covid-19 martialische Töne wie der französische Präsident Macron, sie hat auf die Herausforderung schneller reagiert als der britische Premier Boris Johnson. Viele Deutsche dürften derzeit froh sein, eine pragmatische Regierungschefin wie Merkel an ihrer Spitze zu wissen. «In diese Zeit emotionaler Turbulenzen hat die rationale Art, wie Merkel auf die Herausforderungen zugegangen ist, ihr auch politische Zuwendung gebracht», sagt CSU-Mitglied und Politologe Heinrich Oberreuter.

Dass wegen der Coronapandemie die Wahl des neuen CDU-Vorsitzenden in den Dezember verschoben werden musste, dürfte Merkel letztlich zum Vorteil gereicht haben. Sie wurde nicht durch einen mitten in der Krise ins Amt gehobenen, neuen CDU-Chef gestört, der sich für eine mögliche Kanzlerkandidatur im nächsten Jahr profilieren und auf Abgrenzung zu Merkel machen muss. Zumindest zu Beginn der Pandemie waren die Reihen bei der Union geschlossen. Auch die später aufkommende Kritik am Kurs der Regierung hielt sich in Grenzen.

Selbst der zeitweilige Autoritätsverlust in der Coronakrise dürfte Merkel nicht nachhaltig schaden. Im April verabschiedeten sich mehrere der 16 Ministerpräsidenten vom harten Lockdown-Kurs der Bundesregierung. Manche Bundesländer preschten bei den Lockerungen vor. So wie etwa das von CDU-Ministerpräsident Armin Laschet geführte Nordrhein-Westfalen.

Auf der anderen Seite stand in den letzten Wochen vor allem der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der vor einem zu raschen Ausweg aus dem Lockdown gewarnt hatte. Merkels Union hat der Richtungsstreit geholfen. Jene, die nach Lockerungen riefen, fanden sich politisch ebenso aufgehoben wie die Gegenseite. Oberreuter: «Merkel steht in der Union für die naturwissenschaftliche Vorsicht und Laschet für die opportunistische Lockerungspolitik. Das gibt es alles unter dem merkelschen Dach.»

Fünfte Amtszeit? «Schwachsinn»

Der Merkel-Höhenflug dürfte allerdings kaum bis zu den Wahlen 2021 anhalten. Zwar bietet sich ihr mit Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft am 1. Juli abermals die Gelegenheit, auf internationalem Parkett zu punkten. Zu vermuten ist aber, dass in zwölf Monaten die Aufarbeitung der Coronakrise die innenpolitische Debatte bestimmen wird. Da dürfte es auch um Arbeitslose gehen und um Milliardenhilfen.

In regelmässigen Abständen, vor allem von der «Bild» gestreute Gerüchte, Merkel könne ja doch für eine fünfte Amtszeit antreten, hält CSU-Mitglied Oberreuter für «Schwachsinn». Merkel habe deutlich gemacht, dass nach 16 Jahren im Amt definitiv Schluss sei. «Sie wird zu dem stehen, was sie gesagt hat.» Wer für die Union ins Kanzler-Rennen steigen wird, ist offen. Oberreuter hätte nichts dagegen, würde es Parteikollege Markus Söder versuchen. Dessen Umfragewerte sind in der Coronakrise ebenfalls in die Höhe geschossen.

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