Ausnahmezustand

«Es ist wie in Wuhan»: Italien riegelt wegen Corona-Virus Städte ab

Die Regierung greift zu drastischen Massnahmen, um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen.

Das Ortszentrum von Codogno gleicht einer Geisterstadt: Sämtliche Zufahrtsstrassen zur lombardischen Kleinstadt, die keine eineinhalb Autostunden von der Schweizer Grenze entfernt ist, sind geschlossen. Am Ortseingang hat die Polizei Strassensperren errichtet. Um in die 15000-Einwohner-Stadt zu gelangen oder um sie zu verlassen, sind Spezialgenehmigungen erforderlich. Ladengeschäfte, Restaurants, Bars und selbst die Kirchen geschlossen. Die Behörden haben sämtliche öffentlichen Veranstaltungen abgesagt und die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, zu Hause zu bleiben. «Es ist, als wären wir in Wuhan», sagte ein Bewohner im italienischen Staatsfernsehen.

Die Situation in Codogno ist Folge eines Notdekrets, das die Regierung angesichts der rapiden Ausbreitung des Corona-Virus in den norditalienischen Regionen Lombardei und Venetien an einer Sondersitzung erlassen hat. Um einer Pandemie vorzubeugen, wurden die am stärksten betroffenen Städte komplett abgeriegelt. «Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten», erklärte Regierungschef Giuseppe Conte.

Geisterstadt Codogno – kaum eineinhalb Autostunden von Chiasso. Bild: EPA

Geisterstadt Codogno – kaum eineinhalb Autostunden von Chiasso. Bild: EPA

Lebensmittel kommen über sterile Korridore in die Städte

Zunächst werde zur Durchsetzung der Quarantäne auf Polizeikräfte gesetzt; sollten diese nicht ausreichen, würde notfalls auch die Armee mobilisiert. Wer sich den Quarantäne-Massnahmen widersetzt, riskiert eine Gefängnisstrafe von bis zu drei Monaten.

Betroffen waren von dem Notdekret am Sonntag elf Gemeinden mit insgesamt über 50000 Einwohnern. Die Bevölkerung soll in den kommenden Tagen oder auch Wochen über sogenannte sterile Korridore mit Lebensmitteln und weiteren unverzichtbaren Dingen des täglichen Lebens versorgt werden. In diesen Korridoren soll alles, was in die abgeriegelten gebracht wird oder was diese verlässt, gründlich desinfiziert werden. Per Notdekret wurde auch der öffentliche Verkehr eingestellt: Züge und Überlandbusse halten nicht mehr in den betroffenen Städten. Die Schulen bleiben ebenfalls bis auf Weiteres geschlossen. Laut dem Leiter des Zivilschutzes sind bereits Dutzende Kasernen zu Quarantänestationen umgebaut worden.

Fussballspiele in Mailand und Genua abgesagt

Spiel abgesagt: Ein Fan beim San-Siro-Stadion.Bild: Reuters (Mailand, 23. Februar 2020)

Spiel abgesagt: Ein Fan beim San-Siro-Stadion.Bild: Reuters (Mailand, 23. Februar 2020)

Auch in den nicht direkt vom Corona-Virus betroffenen Gebieten der Lombardei und Venetiens kam das öffentliche Leben zum Teil zum Erliegen. In den beiden Regionen wurden am Sonntag die Sportveranstaltungen abgesagt, darunter auch drei Serie-A-Spiele. Allein für die Partie von Inter Mailand gegen Sampdoria Genua waren im San-Siro-Stadion rund 60000 Fans erwartet worden – eine Durchführung des Spiels hätte ein ebenso unnötiges wie unkalkulierbares Risiko dargestellt. Das Gleiche gilt für den berühmten Karneval von Venedig, der ebenfalls abgesagt wurde. Zuvor wurde eine Erkrankung in der Stadt gemeldet.

Derweil wurden am Wochenende beinahe im Stundentakt neue Erkrankungen am Corona-Virus gemeldet. Mit besonderer Sorge blickt die Regierung in Rom auf Mailand: Eine Wirtschaftsmetropole mit 1,4 Millionen Einwohnern unter Quarantäne zu stellen, würde die Behörden vor ganz andere Herausforderungen stellen als die Abriegelung der Kleinstädte. «Wir können und wir wollen Mailand nicht einfach schliessen», betonte der Regionalpräsident der Lombardei, Attilio Fontana, am Sonntag.

Italien ist inzwischen das Land mit den meisten Erkrankungen am Corona-Virus in Europa: Am Sonntagnachmittag waren es bereits über 150 registrierte Fälle, davon 89 in der Lombardei. Zwei Tage zuvor waren es noch landesweit 17 Fälle gewesen. 26 der Erkrankten befanden sich am Sonntag in einem kritischen Zustand. Am Freitag war ein 78-jähriger Mann an dem Virus verstorben – als erstes europäisches ­Todesopfer. Am Samstag starb eine 77-jährige Frau, die post mortem ebenfalls positiv auf das Virus getestet ­wurde.

Sofortige Beerdigung eines Opfers und keine Trauergäste

Sie wurde umgehend beerdigt – wegen der Quarantänemassnahmen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Anwesend war nur der Priester, der die Verstorbene in aller Eile segnete, sowie ein Verwandter.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist das Besorgniserregende in Italien, dass nicht alle registrierten Fälle «eine klare epidemiologische Geschichte» aufwiesen. Mit anderen Worten: Man wisse nicht, wie das Virus ins Land kam und wer sich als Erster bei wem angesteckt hat. Das mache die Eindämmung so schwierig.

Als möglicher «paziente zero», als erster Corona-Patient, gilt ein 38-jähriger Mann aus Codogno. Auch seine schwangere Frau wurde positiv auf das Virus getestet. Das Problem: Niemand weiss, wie und wo er sich angesteckt hatte. In einem Wettlauf mit der Zeit versuchen die Behörden nun, sämtliche Personen zu identifizieren, mit denen der erste Patient Kontakt gehabt haben könnte – eine fast unmögliche Aufgabe: Der 38-Jährige war ein begeisterter Hobbysportler und hatte, bevor die ersten Symptome der Krankheit auftraten, an mehreren Wettkämpfen teilgenommen. Oft besuchte er auch mit Freuden eine Bar, wo er möglicherweise die Bedienung angesteckt hat.

Ein weiterer möglicher Infektionsherd waren ausgerechnet Arztpraxen und Spitäler gewesen. Am Wochenende wurde gemeldet, dass ein Arzt mit eigener Praxis sowie seine Frau, eine Kinderärztin, an dem Corona-Virus erkrankt seien.

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