Sydney am Tag danach

«Es ist wichtig zu zeigen, dass wir traurig sind»

Am Tag nach der blutigen Geiselnahme in Sydneys Zentrum kehrt die Normalität in Australiens grösster Stadt langsam wieder ein. Am Ort des Geschehens, beim Martin Place im zentralen Geschäftsviertel, haben hunderte Menschen Blumen niedergelegt.

An diesem Dienstag muss sich niemand in Sydneys Innenstadt nach dem Weg zum Martin Place erkundigen. Es genügt, den Menschen mit Blumensträussen in den Händen zu folgen. Aus jeder Richtung strömen sie an den zentralen Platz, an dem in den frühen Morgenstunden im "Lindt Chocolat Café" ein Geiseldrama für drei Menschen tödlich geendet hat.

Doch an Blumen heranzukommen, ist rund um den teilweise gesperrten Martin Place kein einfaches Unterfangen. Sie habe Blumen eigens aus dem Vorort mitgebracht aus Angst, vor Ort keine mehr zu kriegen, sagte eine Frau einem sda-Korrespondenten. "Ich musste einfach hierher kommen", sagte eine andere Frau.

Bei den sonst üppig ausgestatteten Blumenständen am Platz stehen jetzt leere Töpfe. Dennoch hat sich eine Schlange vor dem Stand gebildet: Der grauhaarige Verkäufer wickelt Grünzeug in farbiges Papier - das muss reichen.

Blumen, Nachrichten, Schokolade

Etwas mehr als hundert Meter vom Restaurant entfernt liegt das Blumenmeer, das seit dem Morgen immer grösser wird. Es wird gesäumt von Fernsehkameras, Fotografen, Polizisten, Trauernden und Schaulustigen. In vielen Bouquets stecken Zettel mit Nachrichten, jemand hat Lindt-Schokolade hingelegt.

Eine Frau sagt zu ihrem Kind im Vorschulalter: "Es ist wichtig zu zeigen, dass wir traurig sind." Zum Journalisten sagt sie: "It’s so sad" ("Es ist so traurig").

Banker in eleganten Anzügen und mit iPad im Arm treffen am Martin Place auf Bauarbeiter und Supermarkt-Verkäufer. "Es fühlt sich an, wie wenn ich jemanden verloren hätte", sagt eine Frau in Tränen zu einer TV-Reporterin.

Auch einige Männer in muslimischen Gewändern haben sich zum Martin Place aufgemacht. Ein lokaler Imam sagt in eine Kamera, er wolle die Emotionen mit anderen teilen. Die Tat rufe danach, Solidarität zu zeigen. Jedes Mal, wenn eine Frau mit Kopftuch einen Strauss hinlegt, klicken besonders viele Fotoapparate.

Abgesperrte Büros

Etwas unterhalb der Gedenkstätte können Passanten auf Tischen Kondolenzbekundungen hinterlassen. Immer wieder tauchen Persönlichkeiten aus der Politik auf, um einen Blumenstrauss niederzulegen - und einige Worte in die bereitstehenden Kameras zu sagen. Regierungschef Tony Abbott, Generalgouverneur Sir Peter Cosgrove als Vertreter der englischen Königin und der Premierminister des Gliedstaates New South Wales, Mike Baird, machten unter anderen ihre Aufwartung.

Gesprochen wird aber wenig, für eine Geräuschkulisse sorgt dafür das Hämmern auf den umliegenden Baustellen. Dort herrscht Alltag. Die Hochhäuser um den Tatort herum sind jedoch immer noch nicht zugänglich. Die Polizei weist seit dem Morgen Leute weg, die in ihre Büros wollen.

Normalität in der Ferne

Beim Lindt-Café deckt ein Kordon den Tatort teilweise ab, eine Leiter steht an der Fassade und Polizeiermittler gehen ihrer Arbeit nach. Später stellte die Polizei einen Sichtschutz auf. Noch immer ist die Polizeipräsenz gross.

Beim Gang durch die Stadt begegnen einem viele gesenkte Blicke und gerunzelte Stirnen - so kommt es einem zumindest vor. Je weiter weg vom Martin Place, umso normaler wird aber das Treiben. Zur Mittagszeit wird das Geschäftsviertel wie jeden Tag von Menschen geflutet, die sich ein Sandwich oder einen Kaffee holen - genauso wie es die Opfer des Geiseldramas am Tag zuvor getan hatten.

Rund um das Opernhaus dominieren wie immer Touristen die Szenerie. Nichts zeugt mehr davon, dass der Vorplatz noch am Vortag aus Angst vor einer Bombe kurzzeitig geräumt wurde. Auf der Harbour Bridge wehen aber die Flaggen auf Halbmast, wie auf allen Regierungsgebäuden.

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