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Erster AfD-Bürgermeister des Landes? Showdown in «Görliwood»

Sebastian Wippel. Key

Sebastian Wippel. Key

In Görlitz könnte Sebastian Wippel der erste AfD-Bürgermeister des Landes werden. Dagegen wehrt sich ein Teil der kulturellen Elite, Künstler und Politiker warnen.

Görlitz hatte das Glück, den Zweiten Weltkrieg praktisch unversehrt überstanden zu haben. Dank einer anonymen Millionenspende wurde die 57 000-Einwohner-Stadt an der Grenze zu Polen nach der Wende und der Jahre des stillen Zerfalls während der SED-Herrschaft hübsch hergerichtet. Es gibt dort fast 4000 Baudenkmäler aus 500 Jahren Baugeschichte – von Gotik über Renaissance bis zum Jugendstil. Der historische Charme und die intakte Kulisse der zweigeteilten Stadt – der polnische Teil heisst Zgorzelec – hat auch die Filmindustrie angelockt. Filme wie «Inglourious Basterds», «Der Vorleser» oder «The Grand Budapest Hotel» wurden in der sächsischen Kleinstadt gedreht. Die Stadt an der Neisse geniesst daher in der Filmbranche durchaus internationales Renommee. «Görliwood», nennt man Görlitz daher auch.

Jetzt rufen Schauspielgrössen, Oscar-Preisträger, Regisseure, Schriftsteller und Musiker – darunter Daniel Brühl, Marius Müller-Westerhagen oder Désirée Nosbusch – in einem offenen Brief die Görlitzer dazu auf, bei der Wahl zum Oberbürgermeister an diesem Sonntag «nicht Feindseligkeit, Zwietracht und Ausgrenzung» zu wählen. Ohne einen Namen zu nennen, ist klar, wen die Kulturschaffenden im Görlitzer Rathaus verhindern wollen: den AfD-Kandidaten Sebastian Wippel.

Deutlich vor den Konservativen

Der 36-jährige ehemalige Polizeikommissar sitzt heute für die AfD im sächsischen Landtag. Beim ersten Wahlgang für das Amt des Oberbürgermeisters Ende Mai erzielte er mit 36,4 Prozent das beste Resultat, deutlich vor dem Mann der CDU, dem gebürtigen Rumänen Ursu Octavian. Gut möglich also, dass an diesem Sonntag erstmals in Deutschland ein AfD-Kandidat in ein städtisches Rathaus gewählt wird. Linke, SPD, Grüne – sie alle rufen nun zur Wahl des CDU-Mannes auf, damit Wippel die Wahl nicht doch noch gewinnt. Der Ex-Polizist bezeichnet den Aufruf als «versuchte Bevormundung» und verspricht: «Görlitz bleibt auch mit einem AfD-Oberbürgermeister eine Europastadt.»

Görlitz hatte wie die meisten ostdeutschen Städte jahrelang mit Abwanderung nach der Wende zu kämpfen. Das Lohnniveau liegt hier heute noch 32 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt, die Arbeitslosenquote dafür deutlich über dem landesweiten Mittel. Die Grenzregion hat auch eine überdurchschnittlich hohe Kriminalitätsrate. Zugleich zieht der historische Ort grossstadtmüde junge Menschen in ihren Bann, darunter viele Kreative und Künstler, die sich nun um den Ruf ihrer Stadt, um den Ruf Sachsens sorgen. Die Wahl am Sonntag hat das Potenzial, die gemächliche Kleinstadt zu spalten.

Die Ausgangslage für die rechtskonservative Partei ist in Sachsen gut. Bei den Europawahlen Ende Mai war die AfD stärkste Kraft vor der CDU, auch bei den Bundestagswahlen rückte sie den Christdemokraten auf die Pelle. Die Wahl in Görlitz an diesem Sonntag hat über die Stadt hinaus Bedeutung. In Sachsen wird am 1. September der Landtag gewählt. Die rechtskonservative Kraft könnte laut Prognosen die CDU im Spätsommer vom Sockel stossen. Ein gutes Resultat in Görlitz hätte Signalwirkung.

AfD-Mann Wippel, der mit dem Slogan «Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität» um Stimmen wirbt, reagiert auf die Warnungen der Filmbranche gelassen. Auf seiner Internetseite gibt sich der 36-Jährige siegessicher: «Ich lade die Hollywood-Grössen nach der Wahl gerne ins Oberbürgermeisterbüro auf einen Kaffee ein.»

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