Parlamentswahlen Grossbritannien

Endresultat: Konservative holen absolute Mehrheit – Labour verliert dramatisch

Konservative Partei hat absolute Mehrheit - jetzt steht dem Brexit nichts mehr im Weg

Konservative Partei hat absolute Mehrheit - jetzt steht dem Brexit nichts mehr im Weg

Die Konservativen erreichten in der britischen Unterhauswahl 365 Sitze und holen somit die absolute Mehrheit im Parlament. Die Labour-Partei verliert deutlich und kommt noch auf 203 Sitze. Mehrere Parteivorsitzende haben ihre Rücktritte eingereicht.

Von Kevin Capellini und Sebastian Borger aus London

Das Endresultat der britischen Unterhauswahlen spricht für sich. Die Tories gewinnen die Wahlen mit einem Erdrutschsieg, alle anderen Parteien, allen voran die Labour-Partei, verlieren – mit Ausnahme der schottischen Nationalisten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Die Tories gewinnen die Wahl und holen sich absolute Mehrheit.
  • Labour fährt hohe Verluste ein – Jeremy Corbyn will zurücktreten.
  • Jo Swinson, die Vorsitzende der Liberaldemokraten, verliert ihren eigenen Sitz. Sie ist als Parteivorsitzende zurückgetreten.
  • Die schottischen Nationalisten holen sich fast alle Sitze im Norden.
  • Die Bekanntgabe des Endresultats verzögerte sich um mehrere Stunden, weil wegen des schlechten Wetters im Wahlkreis St. Ives in der Grafschaft Cornwall die Wahlurnen nicht per Boot zustellen konnten. Es musste zuerst ein Helikopter angefordert werden.

Live-Resultate für jeden einzelnen Wahlkreis:

Die Wahlgewinner: die Konservativen

Das Endresultat besagt, dass die konservative Partei von Premierminister Boris Johnson rund 365 der total 650 Sitze holen werden. Es ist ein Triumph für den Premierminister: Die britischen Wähler haben Boris Johnson bei der Unterhauswahl am Donnerstag offenbar den erhofften Sieg beschert, die Partei erhält fast 50 Sitze mehr als vor zwei Jahren. Damit ist der mehrfach verschobene Austritt Grossbritanniens aus der EU am 31. Januar Gewissheit.

Für Johnson hat sich die erste Dezemberwahl seit 1923 bezahlt gemacht. Er hatte die Wähler mit der Begründung vorzeitig an die Urnen gerufen, das Parlament blockiere den geplanten EU-Austritt. Die Torys (offizieller Name: konservative und unionistische Partei) haben ihr gutes Ergebnis offenbar vor allem Wählern in England zu verdanken.

Die eintreffenden Wahlergebnisse im Zeitraffer:

Die Verlierer: die Labour Partei

Die Labour-Opposition musste unter ihrem dezidiert linke Positionen vertretenden Vorsitzenden Jeremy Corbyn erheblich Federn lassen; im neuen Unterhaus dürfte sie nur noch mit 203 Abgeordneten vertreten sein. Dies wäre das schlechteste Ergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg. Corbyn kündigte daher am frühen Freitagmorgen seinen Rücktritt an – jedoch nicht per sofort.

Auf den sozialen Medien und in den TV-Studios tobt längst der Streit um die Zukunft der Labour-Party. Der enge Vertraute des Vorsitzenden, Finanzsprecher John McDonnell, gibt die Linie der Parteispitze um Jeremy Corbyn vor: Es sei eine Brexit-Wahl gewesen, die von Labour angeschobenen Themen hätten keine Chance gehabt.

Hingegen betonen Veteranen wie die langjährige Abgeordnete Margaret Hodge: Es handelt sich um das komplette Versagen des Vorsitzenden und seiner Politik. Der frühere Labour-Innenminister Alan Johnson spricht vom schlimmsten Ergebnis seit den 1930er-Jahren. Bei Corbyn und seinen Momentum-Jüngern handele es sich um eine Sekte. Ihr Einfluss solle aus der Partei verschwinden.

Die weiteren Parteien

Die dezidiert pro-europäischen Liberaldemokraten (LibDems) von Jo Swinson können ihre Sitzzahl nicht erhöhen und stagnieren bei 11 Sitzen. Sie bleiben somit klar hinter den Erwartungen zurück.

Die schottische Nationalisten-Partei von Nicola Sturgeon wird erhebliche Gewinne verzeichnen und kommt in Schottland auf 48 Sitze. Somit könnten sie ihren Höchststand von 2015 (56 Sitze) mit einigem Abstand beinahe wieder erreichen. Wenn sich die Prognose bestätigt, hat die schottische Nationalpartei SNP im britischen Norden abgeräumt: 59 Mandate werden dort vergeben.

Den Unabhängigkeitsbestrebungen der Nationalisten wird diese Wahl-Prognose neuen Aufwind verleihen. Dies führt somit zu einer verfassungsrechtlich schwierigen Situation. Während die Separatisten in Edinburgh weiterhin auf ihre Unabhängigkeit pochen, beharrt die Regierung in London auf der «One Nation Policy» – Grossbritannien sei eine Nation.

Einige ausgesuchte Resultate der Wahlkreise

Zum dritten Mal in Folge hat Newcastle Central das Rennen um die erste Auszählung gewonnen: Um 23.27 Uhr Ortszeit durfte sich Labour-Frau Chi Onwurah in ihrem Sitz bestätigt fühlen. Die Schwesterstadt südlich des Tyne-Flusses folgt auf dem Fuss: In Sunderland South and Houghton holt sich die Labour-Kandidatin Bridget Phillipson ihren Sitz zurück. Beide büssten erheblich Stimmen ein.

Etwas weiter nördlich in Blyth Valley holen die Konservativen das Mandat, zum ersten Mal seit 1950. In allen drei Sitzen hat die Brexit-Party mehrere Tausend Stimmen gewonnen; Phillipson verdankt ihre Mehrheit der Tatsache, dass Nigel Farages Parteivehikel in Sunderland South den Torys mehr als 6000 Stimmen entzog.

Viel war in der Wahlkampagne von «Labours roter Wand» die Rede: Bezirke Nord- und Mittelenglands, die teilweise seit 100 Jahren stets einen Vertreter der Arbeiterpartei nach London entsandt und 2016 mit großer Mehrheit für den EU-Austritt gestimmt hatten. Wählern dort, zusammengefasst unter dem Begriff «Workington Man», galt Boris Johnsons ganze Aufmerksamkeit. Um 1.20 Uhr Ortszeit wird die Strategie bestätigt: Die Stadt in der Grafschaft Cumbria fällt ebenso an die Torys wie wenige Minuten später Darlington im englischen Nordosten. Fehlt nur noch Sedgefield, der frühere Wahlkreis des dreifachen Wahlsiegers Tony Blair. Auch dort signalisieren Labour-Aktivisten den bevorstehenden Verlust.

Kurz-Analyse unseres Korrespondenten

Anhand dieser Ergebnisse erweist sich angesichts des prognostizierten Erdrutschsieges der Regierungspartei die Strategie, prominenten Torys ihre Mandate abzujagen, als völlig illusorisch. Unter großer Anteilnahme der (internationalen) Medien waren junge Corbynistas in Londoner Wahlkreisen ausgeschwärmt. Ihr Ziel: die politische Enthauptung des Premierministers Boris Johnson (Wahlkreis Uxbridge) sowie des Brexit-Veteranen und früheren Parteivorsitzenden Iain Duncan Smith (Wahlkreis Chingford). Die Liberaldemokraten schossen sich auf Aussenminister Dominic Raab (Wahlkreis Esher, Grafschaft Surrey) ein. Die Hoffnung dürfte enttäuscht werden.

Der weitere Verlauf der Nacht   

Genaue Resultate werden während der Nacht erwartet. Ausgezählt werden die Resultate der 650 einzelnen Wahlkreise seit 23 Uhr. Jeder Wahlkreis wird einzeln bekannt gegeben. Daher dauert es relativ lange, bis ein endgültiges Resultat feststeht. Folgende Zeitangaben werden für die Wahlnacht wichtig sein:

  • 24 Uhr: Die ersten definitiven Wahlresultate werden erwartet. Die beiden Wahlkreise Sunderland und Newcastle liefern sich dabei immer ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wer zuerst ist.
  • 03 Uhr: Etwa 100 Sitze werden ausgezählt sein und somit wird eine erste Richtungs-Einschätzung möglich sein.
  • 04 Uhr: Einige Resultate der wichtigsten Wahlkreise werden bekannt gegeben.
  • 06 Uhr: Die Londoner Wahlkreise sollten ausgezählt sein.
  • 08 Uhr: Um diese Zeit etwa sollte das amtliche Endergebnis aller 650 Wahlkreise vorliegen.

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert...

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