Belgien

Einen Monat danach: Die Aufarbeitung der Terror-Anschläge hat erst begonnen

16 Menschen verloren hier am 22. März bei einem Selbstmordanschlag ihr Leben. Gestern wurde die Station Maelbeek wiedereröffnet.Geert Vanden Wijngaert/AP/Keystone

16 Menschen verloren hier am 22. März bei einem Selbstmordanschlag ihr Leben. Gestern wurde die Station Maelbeek wiedereröffnet.Geert Vanden Wijngaert/AP/Keystone

Die Brüsseler Metrostation Maelbeek ist wieder in Betrieb. Doch das Militär ist nach wie vor präsent in Brüssel. Und die Anschläge geben nach wie vor viel zu reden.

Geschäftiges Treiben herrscht an diesem nassgrauen Montagmorgen in der Brüsseler Metrostation Maelbeek im Herzen des Europaviertels. Im Fünfminutentakt kommen die orangen Bahnwaggons angefahren, Leute huschen heraus oder drängen sich hinein. Nichts erinnert daran, dass sich genau hier vor einem Monat der 27-jährige Khalid El Bakraoui in die Luft sprengte und 16 Menschen mit in den Tod riss. Fast nichts. Denn die Soldaten und Polizisten mit ihren Maschinengewehren sind nicht zu übersehen. Aufmerksam gehen sie den Perrons entlang und lassen ihre Bombenspürhunde Kehrichteimer beschnuppern.

Oben in der Eingangshalle bleiben einige Pendler vor der grossen Gedenktafel stehen, in deren Mitte ein rotes Herz prangt. Stifte liegen bereit – wer will, kann etwas aufschreiben. «Liebe Mama. Du bleibst für immer in unserem Herzen. Wir lieben Dich. Die Kinder und die ganze Familie.» steht da etwa. Daneben kann man Nachrichten auf Polnisch, Englisch, aber auch Arabisch lesen. Jemand hat einem Strichmännchen des belgischen Künstlers Benoît van Innis, die die ganze Station Maelbeek zieren, Tränen ins Gesicht gemalt. Die Botschaften stammen von Opfern und Angehörigen, die die wiedereröffnete Station bereits am Samstag anschauen konnten. Es solle helfen, das Erlebte zu verarbeiten, so die Organisatoren.

Einen, den es auch getroffen hat, ist der 74-jährige Georges Kin. Er befand sich am 22. März im selben Waggon wie der Selbstmordattentäter El Bakraoui. Mit unglaublichem Glück überlebte er die Explosion in nächster Nähe und konnte sich selbst aus den Trümmern befreien. Er wurde mit schweren Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert, wo er zwei Wochen bleiben musste. Nun trainiert der Rentner für seinen 34. Halbmarathon, den er beim Anlass «20 Kilometer von Brüssel» Ende Mai absolvieren will, wie Georges Kin gegenüber der Zeitung «La Dernière Heure» sagt.

«Wir lassen uns nicht abbringen»

Die Geschichte von George Kin steht stellvertretend für viele Brüsseler, die sich sagen: «Wir lassen uns von unseren Lebensgewohnheiten nicht abbringen». Und auch die Behörden setzten viel daran, die Station schnellstmöglich wiederzueröffnen. 100'000 Euro waren nötig für die Renovation – die Bombe hatte anscheinend keine tragenden Elemente beschädigt. Mit der Instandsetzung werden nun sämtliche 69 Haltestellen im U-Bahn-Netz wieder bedient. Die Aufarbeitung der Ereignisse aber hat erst begonnen. Der parlamentarische Ausschuss zur Untersuchung der behördlichen Abläufe nimmt diese Woche seine Arbeit auf. Er muss auch klären, was am 22. März zwischen 7.58 Uhr und 9.11 Uhr geschah. Konkret: Warum wurden die U-Bahnen nicht schon nach den Explosionen am Flughafen Zaventem abgestellt? Hat die komplizierte Kompetenzverteilung im Katastrophenfall zu einer Entscheidungsblockade geführt?

Geklärt werden muss auch, wie der Weg zurück in die Normalität weitergehen soll. Noch immer herrscht in Brüssel die zweithöchste Terrorwarnstufe. Das Militär patrouilliert auf Plätzen und vor öffentlichen Gebäuden. Der Entscheid, die Soldaten wieder zurück in die Kasernen zu schicken, dürfte aber politisch heikel sein. Dies, zumal die Terrorgefahr keineswegs gebannt ist.

In belgischen Medien wird weiter darüber spekuliert, ob der am 7. April verhaftete Mohamed Abrini wirklich der dritte Attentäter vom Flughafen ist, wie er es behauptet. Widersprüchlichkeiten in seinen Aussagen und das Fehlen von eindeutigen Beweisen wie Fingerabdrücken befeuern Zweifel. Ausserdem wird das Problem von arabischen Parallelgesellschaften wie zum Beispiel im Brüsseler Stadtteil Molenbeek oder fehlende Zukunftsperspektiven von jungen Migranten noch viel zu diskutieren geben.

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