Reportage

Ein verheerendes Erdbeben zerstörte 2010 Haiti: Verbessert hat sich die Situation seit dann für viele nicht – und 12 Milliarden Hilfsgelder sind versickert

Canaan: 300'000 Menschen leben im Elend. «Der Staat hat uns vergessen», sagen die Bewohner.

Canaan: 300'000 Menschen leben im Elend. «Der Staat hat uns vergessen», sagen die Bewohner.

Am 12. Januar 2010 hat ein Erdbeben Haiti verwüstet und 220'000 Opfer gefordert. Nun, eine Dekade später, ist die Hoffnung tot. Es sind zehn verlorene Jahre. Eine Reportage.

Arnold Antonin lässt den Blick über Port-au-Prince schweifen und zeigt auf kaum erkennbare Wellblechdächer, enge kleine Ansiedlungen, atemberaubend am Hang klebende Hütten. «Da, da und da», sagt der 77-Jährige – und seine Miene verfinstert sich. «Überall sind die Slums wieder entstanden.»

Der Aktivist und Filmemacher blickt täglich von der Terrasse seines Hauses auf seine Stadt herunter. Und was er sieht, was er in den vergangenen zehn Jahren mit ansehen musste, lässt ihn fast Verzweifeln. «Nach dem Erdbeben 2010 hätten wir die Chance gehabt, Port-au-Prince klug und nachhaltig neu zu erschaffen», sagt der agile Mann mit Brille und Bart.

«Und was ist daraus geworden?» Er lässt die Frage einen Moment in der karibischen Schwüle stehen. «Bidonvilisation», sagt er dann. «Verslumung.» Es ist ein Wort, das man in fast jedem Gespräch über die Jahrhundertkatastrophe hört.

Antonin hat schon vor 2010 vor dem gewarnt, was am Nachmittag des 12. Januar dann tatsächlich passiert ist: ein Erdstoss hat die Dreimillionenstadt in 37 Sekunden pulverisierte. Und wenn die Erde jetzt wieder so beben würde wie damals, orakelt Antonin: «Dann wären die Folgen noch schlimmer.»

37 Sekunden, 220'000 Tote, fast zweieinhalb Millionen Obdachlose

Die Zerstörung löste weltweit Solidarität aus. Helfer fluteten die Karibikrepublik, 12 Milliarden Hilfsgelder flossen, Vorsätze wurden gefasst, Versprechen gemacht. Aber zehn Jahre später ist von alldem nichts mehr zu sehen.

Port-au-Prince, die geschundene und überfüllte Hauptstadt, sieht fast wieder so aus wie am Vorabend der Naturkatastrophe, die 220'000 Menschen in den Tod riss und 2,3 Millionen Haitianer obdachlos machte. Nur ist die Stadt noch voller als damals, alles ist noch enger, die «Bidonvilles» noch grösser.

Die Zeltstädte für die Obdachlosen sind nicht mehr da. Dafür sieht man wieder die gleichen Slums wie vor dem Beben: waghalsig an die Hügel gebauten Wellblech- und Holzhütten. Sie krallen sich in die entwaldeten Hänge und sehen aus, als könnte sie der nächste Platzregen in den Abgrund spülen.

Viele dieser neuen Orte sind entstanden, nachdem die Regierung die Zeltlager räumen liess und den Menschen 500 Dollar in die Hand drückte, damit sie sich was Neues suchten.

Familie Charlestin teilt sich ein Bett und einen Koffer als Schrank.

Familie Charlestin teilt sich ein Bett und einen Koffer als Schrank.

Und auch heute wieder türmt sich der Müll zu Bergen an den Strassenecken, sitzen die Menschen zu Tausenden auf den Bürgersteigen und verkaufen irgendetwas und versuchen, ein paar Gourdes zu verdienen. Die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung hat keinen Job, kann sich bestenfalls zwei Mahlzeiten am Tag leisten.

Haiti ist noch immer eines der ärmsten Länder der Welt und das bei weitem ärmste der westlichen Hemisphäre. «Wir hätten eine gerechtere Gesellschaft schaffen können, geordnet, mit Chancen für alle und vor allem ökologisch – ein neues Haiti», bedauert Antonin.

Hoffnung machen nur Gott und Lotto

Stattdessen sind Orte wie Canaan entstanden. Die Siedlung ausserhalb von Port-au-Prince wurde als Auffanglager für Obdachlose gegründet. Canaan hat einen Gesundheitsposten ohne Ärzte, eine Polizeistation ohne Polizisten und Strassen ohne Asphalt. Es ist eine Ansammlung von Hütten, Häusern und Verschlägen, aber vor allem von evangelikalen Kirchen und Lottobuden.

Wer in Canaan angekommen ist, dem bleibt nur noch, auf Glück oder Gott zu hoffen. Der Ort, der so gar nichts mit seinem biblischen Namensgeber gemein hat, ist mit seinen 300'000 Einwohnern wohl der grösste Slum Haitis. Während im biblischen Kanaan Milch und Honig flossen, fliesst im haitianischen Canaan nicht einmal Wasser.

Auch nicht bei Familie Charlestin, die irgendwo in diesem Labyrinth des Elends eine kleine Hütte bewohnt. Vater Frantz ist Automechaniker, seine Frau Marie-Fleur hütet die drei kleinen Töchter. In der Unterkunft steht ein Koffer, der als Kleiderschrank dient und ein Bett, in dem die Familie schläft.

«Der Staat hat uns vergessen», sagt Frantz schüchtern. «Und die Hilfsorganisationen sind seit Jahren weg», schiebt er leise nach. Er verdient 200 Dollar im Monat. Zu wenig Geld für eine fünfköpfige Familie.

Bildergalerie «Zerstörung, Hoffnung und Frust auf Haiti»

Zehn Monate nach dem verheerenden Erdbeben auf Haiti besuchte eine unserer Redaktorinnen die Insel. Dies sind einige ihrer Bilder.

Wie für fast alle Menschen hier ist das Provisorium auch für die Charlestins längst eine Dauerlösung geworden, aber keine Heimat. Sie möchten lieber heute als morgen weg. «Man hat uns aufgegeben», sagt Vater Frantz.

Das war nach dem 12. Januar 2010 noch ganz anders. Hilfsorganisationen brachten Zelte, Essen, Chirurgen, Trost und Missionare. Zeitweise übernahmen die NGOs das Land, zumal die Regierung einfach abgetaucht war. Man sah die Tragödie auch als Chance, Haiti nicht nur neu, sondern ganz anders wieder aufbauen zu können. Mit Struktur und erdbebensicher, nicht wild, anarchisch, ungezügelt – wie Canaan.

Francis Alphonse verdreht die Augen, wenn er über Canaan spricht. Der Stadtplaner hält den Ort für «die grösste menschgemachte Katastrophe» nach dem Beben. «Canaan wird zum gefährlichsten Slums des Landes werden», sagt der Urbanist, der bei einer regionalen Agentur für nachhaltigen Wiederaufbau arbeitet.

Seine Arbeit sei frustrierend. Zum einen kümmere sich der Staat nicht, weil ihm das Know-how fehle und er wegen der politischen Krise praktisch gelähmt sei. Die Regierung habe nach dem Beben nicht den Willen gehabt, die Verantwortung für den Wiederaufbau von den NGOs zu übernehmen. «Und die Hilfsorganisationen sind längst weitergezogen nach Syrien oder in den Irak,» sagt Alphonse.

Am schlimmsten aber findet es der Stadtplaner, dass die Menschen wieder genau so bauen wie immer – irgendwo und irgendwie. «Und niemanden interessiert es. Bis wieder alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt.»

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