’Ndrangheta

Ein Strandbad gegen die Mafia – wie ein Dichter gegen den ewigen Notstand kämpft

Touristinnen in der einstigen Mafia-Hochburg Neapel: Das ist keine Seltenheit mehr. Die Stadt wird zum Vorbild für die ’Ndrangheta-Nester im Süden.

Touristinnen in der einstigen Mafia-Hochburg Neapel: Das ist keine Seltenheit mehr. Die Stadt wird zum Vorbild für die ’Ndrangheta-Nester im Süden.

250'000 Menschen haben Süditalien in den vergangenen zehn Jahren den Rücken gekehrt. Einer der Hauptgründe: die Mafia, die die Region im ewigen Notstand hält. Ein Dichter in Reggio Calabria will den Trend stoppen. Wie das gehen könnte, das weiss er ganz genau.

Saverio Pazzano streift durch den Lido Comunale, das städtische Strandbad von Reggio Calabria. Immer wieder muss er über weggeworfenes Sperrgut und anderen Müll klettern. Von den bunten Umkleidekabinen blättert die Farbe ab, aus den Betonmauern ragen verrostete Armierungseisen. Die Gelatibar ist seit Jahren geschlossen, die Palmen sind verwahrlost. Pazzano wird von einem Dutzend junger Leute begleitet. Sie sprechen die wenigen Spaziergänger an, um sie von ihrem Traum zu überzeugen: dem Lido zu seinem alten Glanz zu verhelfen und es den Bürgern der Stadt wieder als öffentliches Strandbad zugänglich zu machen.

Der erbarmungswürdige Zustand des Lido Comunale von Reggio Calabria ist ein besonders deprimierendes Beispiel für den Niedergang einer Metropole, die in der Antike mal die erste Hauptstadt der italienischen Halbinsel war. Dabei war der Lido von Reggio Calabria einmal eines der schönsten Strandbäder Italiens: Das tiefblaue Wasser der Strasse von Messina ist kristallklar, vom Kiesstrand blickt man auf das gegenüberliegende Sizilien und auf den Ätna mit seiner Rauchfahne. In der Nacht kann man mitunter die Eruptionen des grössten aktiven Vulkans Europas beobachten.

Vor einigen Wochen hat Pazzano deshalb beschlossen, sich dem Niedergang der Stadt, der Gleichgültigkeit der Behörden und der mächtigen kalabrischen Mafia ’Ndrangheta entgegenzustellen: Der 40-jährige Dichter hat das «Collettivo La Strada» gegründet und seine Kandidatur als Bürgermeister bei den Wahlen im Frühling angekündigt. Seine Mitstreiter des «Collettivo» haben tausend Ideen und Projekte – doch als erstes wollen sie die Stadt vom Müll befreien und die Schlaglöcher flicken. Pazzanos Fernziel: die nichtmafiösen Bewegungen der Region zusammenführen. «So wollen wir gegen den Niedergang kämpfen», sagt er.

Im Gefängnis hat er die Mafia-Mentalität studiert

Seit Pazzano seine Kandidatur angekündigt hat, passieren unerwartete Dinge in Reggio Calabria. Jeden Tag erhalten er und seine Mitstreiter Dutzende Mails und Whatsapp-Nachrichten von gebürtigen Kalabresen, die Reggio Calabria mangels beruflicher Perspektiven schon vor Jahren verlassen hatten: «Wenn Du gewählt wirst, werden wir zurückkommen», lautet der Tenor der Nachrichten.

Zur Präsentation seiner Kandidatur kamen rund 400 Personen – viele für eine Stadt wie Reggio Calabria. Die Sicherheitskräfte erklärten danach, dass sie unter den Anwesenden keine Mafia-Vertreter entdeckt hätten. Das hat grossen Seltenheitswert in der Gegend. Und es hat die Menschen aufgeweckt. Pazzano kann in seiner Stadt inzwischen keinen Schritt mehr tun, ohne von den Leuten angesprochen zu werden. Die allermeisten ermutigen ihn.

Seit fünf Jahren unterrichtet Pazzano nebenamtlich kleine und grosse Verbrecher im Gefängnis von Reggio Calabria. Dabei konnte er die Mentalität der ’Ndrangheta-Bosse ausgiebig studieren. Die Gewalt diene der Mafia nur noch zur Aufrechterhaltung einer Drohkulisse und zur Einschüchterung. Grundsätzlich aber regiere die ’Ndrangheta die Stadt im Stillen, sagt Pazzano. Sie könne auf Strohmänner und Verbündete in der Verwaltung, in der Politik und in den Institutionen zurückgreifen. Dieses unsichtbare Netz zwischen der Politik und den ’Ndrangheta-Clans lähme die Entwicklung der Stadt seit Jahren und führe bei den Bürgern zu Resignation: «Wir haben das Gefühl, von Mächten regiert zu werden, die wir nicht gewählt haben», sagt Pazzano. Das mafiöse Netz müsse zerschlagen und durch ein Netz gutwilliger Menschen ersetzt werden. Das sei möglich.

Dass es möglich ist, hat ein prominenter Verbündeter Pazzanos bereits bewiesen: Luigi De Magistris, seit acht Jahren Bürgermeister von Neapel. Die Millionenstadt am Fuss des Vesuvs galt zuvor als ähnlich hoffnungsloser Fall wie Reggio Calabria. Doch unter dem ehemaligen Antikorruptionsstaatsanwalt hat sich das zuvor kriminelle Chaos in ein kreatives verwandelt: Die Müllberge sind verschwunden, einst von der Camorra beherrschte Stadtviertel wie die Quartieri Spagnoli oder der Rione Sanità sind zu beliebten Touristenzielen geworden. «Die Stadt ist voller Energie, voller Leben», sagt De Magistris nicht ohne Stolz. Neapel hat landesweit die höchsten Zuwachsraten im Tourismus und ist mit 1000 Filmen in den letzten drei Jahren Italiens wichtigstes Filmset geworden. Vor allem unter jungen Menschen ist «Napoli» angesagt wie lange nicht mehr.

Der Mafia den Müll wegnehmen: Das wirkt

De Magistris war 2011 als Aussenseiter und ohne die Unterstützung der grossen, traditionellen Parteien angetreten – und im zweiten Wahlgang mit 65 Prozent der Stimmen gewählt worden. Auch in Neapel war der Wunsch nach einem radikalen Bruch mit der mafiösen Politik so stark gewesen, dass die alten Parteien weggefegt wurden. Als erstes hatte der neue Bürgermeister die Müllentsorgung wieder unter die Kontrolle der Stadt gebracht und damit dem Einfluss der Camorra entzogen. Danach hat der Ex-Staatsanwalt mit Kontrollen und Prävention dafür gesorgt, dass die organisierte Kriminalität auch aus der Stadtverwaltung verschwindet.

Natürlich gebe es immer noch erhebliche Probleme, insbesondere mit den «ragazzini», also den zum Teil noch nicht einmal volljährigen, sehr gewaltbereiten Camorra-Jugendbanden, sagt De Magistris. An den Schulen hat er zwar die Aufklärung verstärkt, aber die Bekämpfung der Jugendbanden liegt letztlich nicht in der Kompetenz und auch nicht in den Möglichkeiten der Stadtbehörden, sondern ist Aufgabe von Carabinieri und Staatspolizei. «Rom müsste deutlich mehr unternehmen gegen die Mafia – aber das soll keine Ausrede sein. Letztlich muss unsere Region ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen: Wir müssen uns selbst helfen», betont De Magistris.

De Magistris ist überzeugt, dass sich das «Modell Neapel» auch auf Reggio Calabria übertragen lässt. Er ist für die Präsentation von Pazzanos Kandidatur nach Reggio Calabria gereist und bietet dem «Collettivo» über seine eigene ­Bewegung Democrazia e Autonomia (Dema) fachliche und logistische Unterstützung an.

Ein Sieg Pazzanos und seines «Collettivo» wäre ein Zeichen der Hoffnung; nicht nur für die Stadt an der Meerenge von Messina, sondern für den gesamten Süden Italiens, dem angesichts hoher Arbeitslosigkeit, dürftigen staatlichen Infrastrukturen und mafiösen Verstrickungen der Politik immer mehr Menschen den Rücken kehren. Laut dem nationalen Statistikamt Istat sind in den vergangenen zehn Jahren 250'000 vorwiegend junge und gut ausgebildete Menschen weggezogen aus dem Mezzogiorno, jenem Teil Süditaliens, der bis 1861 zum Königreich beider Sizilien gehört hatte. Wenn nicht bald etwas passiert, dann wird Süd­italien im Jahr 2065 fünf Millionen Einwohner weniger zählen.

«Die Zeit ist reif für eine radikale Wende», sagt Pazzano nach seinem Spaziergang durch den Lido. Er weiss, dass auf ihn im Falle einer Wahl zum Bürgermeister von Reggio Calabria eine schwierige Aufgabe warten würde. Die ’Ndrangheta sei «extrem präsent» in der Stadt. «Doch die Politik kann auch in Süditalien sehr wohl ein anderes Modell einführen, das nicht mehr von gegenseitigen Gefälligkeiten, Verbindungen und Abhängigkeiten geprägt ist.» Die Mafia besiege man, indem man die Kultur ändere: «Wir wollen eine neue politische Kultur. Eine Kultur des aufrechten Gangs», betont Pazzano. Das Beispiel von Neapel habe bewiesen, dass man auf diese Weise «aus der ewigen Notstandssituation her­auskommen kann».

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