Essay

Ein Jahr nach Utøya: Das Leben nach dem Morden

Beim Angriff auf der Insel Utoya tötete Anders Breivik 69 Menschen

Beim Angriff auf der Insel Utoya tötete Anders Breivik 69 Menschen

Am 22. Juli 2011 tötete Anders Breivik 77 Menschen – unser Autor fragt: Wie hat sich Norwegen seither verändert? War der Schock bleibend oder sind die Norweger zum Alltag zurückgekehrt, als ob nie etwas gewesen wäre?

Die Auswirkungen der Französischen Revolution? «Es ist zu früh, um das zu beantworten», soll der chinesische Premierminister Tschou Enlai in den frühen 1970er-Jahren angeblich auf die entsprechende Frage von US-Präsident Richard Nixon geantwortet haben. Die Menschen ausserhalb Norwegens fragen mich oft, wie das Massaker von Utøya am 22. Juli 2011 die norwegische Gesellschaft verändert hat. Ich muss ihnen das Gleiche sagen wie Tschou Enlai: Es ist zu früh, um das zu sagen.

Einige sind der Meinung, wir sollten es nicht zulassen, dass der Terrorismus uns verändert. Manche sagen, der Terror hat uns nicht verändert, auch wenn er es tun sollte. In einem Interview mit der liberalen Tageszeitung «Christian Vårt Land» zeigte sich der in Pakistan geborenen norwegischen Blogger und Radiomoderator Wakas Mir enttäuscht: «Wenn nicht einmal eine solche Tragödie, die auch wegen des Hasses auf Einwanderer geschah, zu weniger Rassismus führt, dann bekommt man den Eindruck, dass nichts den Rassismus stoppen kann.»

Der Oberstleutnant und Psychiater Jon Reichelt vertritt hingegen eine andere Ansicht: «Ereignisse wie jenes vom 22. Juli bleiben zwar im Gedächtnis haften, aber man kehrt rasch wieder zum Alltag zurück. Wegen eines solchen singulären Ereignisses werden wir nicht freundlicher, toleranter oder weniger argwöhnisch.» Hat er recht?

Der Attentäter Anders Behring Breivik hat in der Gerichtsverhandlung sein Gedankengut dargelegt: Er hoffe, die Unterstützung von Leuten zu bekommen, die ähnlich denken wie er. Leute, die die Behörden für «Verräter» halten und die an eine riesige Verschwörung glauben, um Europa in eine arabische Kolonie zu verwandeln.

Die Überzeugung, dass die Nation existenziell bedroht ist, rückt Breivik in die Nähe einer Ideologie aus dem letzten Jahrhundert: Breivik ist ein moderner Faschist. Seine Weltanschauung ist von einer neuen Form der faschistischen Bewegung abgeleitet – einer antiislamischen Variante, die sich via Internet ausgebreitet hat, deren Wurzeln aber viel weiter zurückreichen.

Andererseits erinnert Breiviks Weltanschauung auch an die Ideologie der linksextremen Roten Armee- Fraktion (RAF) in Deutschland. Wie Breivik wollte die RAF mittels ihres Terrorismus den repressiven Charakter der Herrschenden bewusst machen, was letztlich zur Revolution führen sollte. Die gute Nachricht ist, dass die Strategie der RAF keinen Erfolg zeitigte. Denn Terrorismus funktioniert nur selten als politisches Werkzeug. Und eine demokratische Gesellschaft wandelt sich schon gar nicht in die von den Terroristen gewünschte Richtung. Terrorismus ist eine Bedrohung unserer Sicherheit – eine blutige und schreckliche Bedrohung –, aber nur ausnahmsweise eine Bedrohung der Demokratie. So gesehen wird Breivik Norwegen nicht verändern.

Allerdings werden sich seine Opfer verändern. Hunderte von Jugendlichen überlebten in Utøya das Massaker. Sie alle haben Freunde verloren; sie alle haben Schreckliches erlebt. Es sind Dinge, die man gar nicht beschreiben kann. Und dennoch haben einige von ihnen vor Gericht erzählt, was sie erlebt haben. Eine von ihnen ist die 22-jährige Ina Rangønes Libak. Breivik schoss auf ihre Hände, die sie sich vors Gesicht hielt, während sie sich hinter einem Klavier versteckte. Vor Gericht erklärte sie: «Ich erinnere mich an das Gefühl, als die Schüsse mich trafen. Ich spürte es. Mir war sofort klar, was geschah. Ich hatte kein Gefühl in meinen Armen und ich dachte, sie seien weggeschossen. In meinem Mund hatte ich einen Geschmack, den ich noch nie zuvor hatte. Ich hatte eine Menge Blut im Mund. Ich versuchte, meinen Kiefer geschlossen zu halten, in den er mich getroffen hatte.»

Einige dieser Überlebenden sind bereits Lokalpolitiker, einige werden ins Parlament gewählt werden und einige werden vielleicht sogar Minister. Norwegen könnte in einigen Jahren einen Premierminister haben, auf den in Utøya geschossen wurde, oder einen Aussenminister, dem wegen einer Schusswunde ein Arm oder Fuss amputiert werden musste. Norwegen ist ein kleines Land. Jeder vierte Norweger kennt jemanden, der vom Utøya-Terror betroffen war. Im Juli 2011 war Norwegen ein trauerndes, weinendes Land. Während der Gerichtsverhandlung gegen Breivik kamen die Tränen zurück. Es ist klar, dass das Norwegen verändern wird. Wir wissen nur nicht, wie es das Land verändern wird.

Aber hat denn der Terror Norwegen nicht schon jetzt verändert? In einigen Bereichen ist das bereits der Fall, in anderen nicht. Die Debatte über die Sicherheit hat noch nicht wirklich begonnen, aber sie wird kommen. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studien ist der Nationalstolz der Norweger gewachsen und mehr Menschen haben Vertrauen in die norwegische Gesellschaft und in die Demokratie. Zudem haben mehr Menschen eine positive Einstellung gegenüber Immigranten und Muslimen. Auch wenn diese Veränderungen nicht sehr signifikant sind und es auch andere Erklärungen dafür geben könnte, so kommt der Politikwissenschafter Ottar Hellevik doch zum Schluss, dass «diejenigen recht haben, die glauben, der 22.Juli habe einen positiven Effekt auf die Einstellung der Menschen gegenüber Zuwanderern.»

Allerdings kommt eine andere Studie, die vom norwegischen Zentrum für Holocaust-Studien und religiöse Minderheiten veröffentlicht wurde, zum Schluss, dass Antiislamismus und Antisemitismus in Norwegen relativ weit verbreitet sind. «Antisemitismus ist unter jenen Befragten weiter verbreitet, die sehr kritisch gegenüber Einwanderern sind. Diese Tendenz ist auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten», heisst es in dieser Studie weiter.

In den Kommentarspalten der Online-Zeitungen und der sozialen Netzwerke finden sich ausreichend Belege für diese These. Auf der Facebook-Seite der Organisation «Stopp der Islamisierung Norwegens» gab es zahlreiche Kommentare, die Breiviks Weltbild billigten: «Die Norweger wagen es nicht zuzugeben, dass Breivik recht hat», hiess es da. «Das liegt an seiner Tat. Wenn man die Meinung eines Massenmörders teilt, bedeutet das nicht, dass man genau so verrückt ist wie er. Ich verstehe die Ansichten Breiviks und ich unterstütze sie.»

Einer, der gegen den Hass antritt, ist Morten Myksvoll von der rechtspopulistischen Fortschrittspartei. Auf seinem Blog stellt er fest: «Leider ist beispielsweise der Hass auf die Roma immer noch weitherum akzeptiert. Das Internet ermöglicht es uns, uns so darzustellen, wie wir wollen. Beunruhigend viel stellen sich als komplette Idioten dar.» Allerdings teilen nicht alle seine Leser diese Ansicht. Einer wirft Myksvoll, der einer streng antisozialistischen Partei angehört, vor, er sein «im Kopf ein Kommunist». Es gibt in Norwegen immer noch sowohl

Fremdenfeindlichkeit als auch Hass auf die Linke.

Vor dem Hintergrund solcher Äusserungen glauben einige Beobachter, der Rechtsextremismus im Land nehme wieder zu. Für diese These gibt es dann allerdings doch wieder keine Beweise. Fremdenfeindliches Denken mag verbreitet sein – der organisierte Rechtsextremismus ist und bleibt eine Randerscheinung. Die norwegischen Rechtsextremisten sind zahlenmässig klein, schlecht organisiert, und in ideologisch rivalisierende Gruppen zersplittert. Einige von ihnen behaupten, sie hätten seit dem 22.Juli mehr Unterstützung bekommen. Prahlen gehört allerdings bei Gruppen am politischen Rand dazu. An einer Veranstaltung von Rechtsextremisten, die kürzlich in Stavanger – einer Stadt so gross wie Bern – stattfand, nahmen nicht mehr als ein paar Dutzend Leute teil. Diese Schwäche der Rechten ist allerdings keine Folge des Massakers von Utøya. Der Rechtsextremismus ist in Norwegen personenmässig stets nur schwach in Erscheinung getreten. Wie wir – schon vor dem 22. Juli 2011 – gesehen haben, bedeutet das allerdings nicht, dass er keine Bedrohung darstellt.

Übersetzung aus dem Englischen: Dagmar Heuberger

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