Der Regen tropfte durchs Dach, als Pete Buttigieg am Sonntag die Halle der ehemaligen Autofabrik Studebaker in seiner Heimatstadt South Bend betrat und verkündete, dass er Präsident der Vereinigten Staaten werden wolle. Die Menge jubelte.

In South Bend ist «Pete» längst ein Star. Seit acht Jahren regiert der 37-Jährige mit dem kuriosen Namen («Bud-Itsch-Itsch») die Kleinstadt im einstigen Industriegürtel Amerikas.

Der Ort, den der Harvard-Absolvent für seine Rede ausgewählt hatte, war kein Zufall. Das stillgelegte Werk steht symbolisch für den Zerfall der amerikanischen Schwerindustrie. Die umgebauten Räume nebenan, die heute von Start-ups genutzt werden, zeugen vom Versuch, eine neue Ära im ausgebluteten «Heartland» Amerikas einzuläuten.

Buttigieg wischte den Regen von seinen Rednernotizen und sagte: «Uns wird eine Legende verkauft: Die Legende, dass wir die Uhr einfach zurückdrehen können, dass wir Amerika wieder grossartig machen können.» Das sei Schwindel, sagte der Bürgermeister im hochgekrempelten Hemd. «Wir müssen die Vergangenheit hinter uns lassen und etwas völlig Neues wagen.»

Völlig neu wäre vieles, wenn der Demokrat Buttigieg tatsächlich die Vorwahlen gewinnen und im November 2020 gegen Präsident Trump siegen würde. Der fuchsgesichtige Mann hat in kürzester Zeit sieben Millionen Dollar an Wahlkampfspenden gesammelt und sich zum Liebling vieler Kommentatoren gemausert.

Buttigieg ist bereits der drittbeliebteste demokratische Kandidat – hinter Bernie Sanders und Joe Biden. Einiges spricht dafür, dass der smarte Bürgermeister den Sprung schaffen und die 17 Partei-internen Mitbewerber tatsächlich hinter sich lassen könnte.

Gläubig und schwul

Zum Beispiel seine Zeit in Afghanistan. Für die militärverrückten Amerikaner ist sein Einsatz im Kriegsgebiet Gold wert. Buttigieg nahm 2013 sieben Monate unbezahlten Urlaub, um in den Krieg zu ziehen. Donald Trump, der sich einst wegen ein paar Knochensplittern in der Ferse vor dem Vietnam-Marschbefehl drückte, dürfte es schwer haben, den Kriegsveteranen Buttigieg in sicherheitspolitischen Fragen auszustechen.

Als Bürgermeister verwandelte Buttigieg South Bend von einer «sterbenden Stadt», wie das Magazin «Newsweek» seine Heimat bezeichnete, in eine boomende Mini-Metropole. Er glaubt, dass sein Erfolgsrezept – weg von der Industrie, hin zu neuen Branchen – auch auf nationaler Ebene fruchten würde.

Dank seiner Herkunft aus dem konservativen Mittleren Westen der USA weiss der Historiker ganz genau, wie man jene Wähler erreicht, die Trump als «die vergessenen Bürger» bezeichnet und mit seinen Anti-Einwanderungs-Tiraden einlullt. Buttigieg ist überzeugt, die demokratischen Kräfte in Bundesstaaten wie Ohio oder Pennsylvania mit seiner Zukunftsvision mobilisieren zu können. Nicht Migranten an der mexikanischen Grenze seien die grösste Bedrohung für das «grossartigste Land der Welt», sagt Buttigieg, sondern der Klimawandel.

Zudem betont der 37-Jährige, dass die Zeit reif sei für einen «Millennial» als Präsidenten. Seine Generation sei es, die unter den Folgen des Klimawandels leiden werde. Seine Generation sei es, die mit der Digitalisierung klarkommen müsse. Seine Generation sollte deshalb mitreden können, wenn es um die Zukunft geht. Buttigieg wäre der erste US-Präsident, der schon vor seinem 40. Geburtstag ins Weisse Haus einzieht.

Buttigieg wäre auch der erste Homosexuelle im mächtigsten politischen Amt der Welt. «Er hat sich 2015 geoutet und ist mit dem 29-jährigen Lehrer Chasten Buttigieg verheiratet. «Pete» erzählte, er habe keine Ahnung gehabt, wie sich das Outing auf seine politische Karriere auswirken würde. Kurz darauf sei er mit 80 Prozent der Stimmen als Bürgermeister wiedergewählt worden.

An die Adresse der religiösen Rechten sagt der gläubige Christ: «Ich habe nicht entschieden, schwul zu sein. Wer damit ein Problem hat, hat nicht mit mir ein Problem, sondern mit meinem Erschaffer.»

Farsi und Konzertdiplom

Doch sein offen zur Schau getragener Intellekt könnte dem James-Joyce-Fan mit Klavier-Konzertdiplom zum Verhängnis werden. In Amerika gilt als elitär, wer zu viel liest und zu blumig spricht. Und wer – wie Buttigieg – acht Sprachen beherrscht (neben Englisch spricht er auch Spanisch, Französisch, Italienisch, Maltesisch, Arabisch, Farsi und Norwegisch), muss aufpassen, nicht als abgehobener Intellektueller verschrien zu werden.

Kommentatoren sehen in Buttigieg eine weisse, jüngere Version des einstigen Kandidaten Barack Obama. Die Gestik, die Sprache, der Hang zur Alliteration: Es wirkt tatsächlich so, als hätte sich Buttigieg beim rhetorischen Grossmeister ein paar Tricks abgeschaut.

Um Obamas Erbe antreten zu können, muss Buttigieg den Monsterwahlkampf ebenso souverän bewältigen wie den Auftritt in der feuchten Industriehalle seiner Heimatstadt. Im Juni gehen die TV-Debatten los. Buttigieg zeigte sich am Sonntag bereit. «Es ist Zeit für einen neuen amerikanischen Frühling», rief er der Menge zu. Es dürfte ein heisser Frühling werden.