Das Heilige Jahr

Der Papst stösst die Heilige Pforte auf - nach mehrmaligem Rütteln

M. BRAMBATTI/EPA/KEY

Heilige Pforte: Papst Franziskus musste mehr rütteln.

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Wie die vergebende Liebe Gottes keine Grenzen kennt, soll auch die Weltkirche nicht nur in Rom sein. Das ausserordentliche Heilige Jahr soll an den vatikanischen Konzil erinnern.

Der 78-jährige Papst musste drei- oder viermal an der tonnenschweren Bronzetür rütteln, bis er als Erster ins Innere des Petersdoms schreiten konnte. Damit war das Heilige Jahr der Barmherzigkeit offiziell eröffnet.

Kurz nach Franziskus ging, gestützt von seinem Privatsekretär, auch Benedikt XVI. durch die Heilige Pforte: Der emeritierte Papst war von seinem Nachfolger ausdrücklich zur Zeremonie eingeladen worden.

Danach schritten unter anderen der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella, Premier Matteo Renzi sowie Vertreter der islamischen und jüdischen Gemeinde Roms durch die Pforte. Normalerweise ist die rechte Eingangstüre zur Basilika zugemauert; sie wird nur anlässlich von Heiligen Jahren geöffnet.

Ans Vatikanische Konzil erinnern
Vor der Öffnung der Heiligen Pforte hatte Franziskus vor rund 50 000 Pilgern und Gläubigen auf dem Petersplatz einen Gottesdienst gefeiert. Dass der Papst den 8. Dezember als Eröffnungstag für das Heilige Jahr gewählt hatte, war kein Zufall: Es handelte sich um eine Referenz an das Zweite Vatikanische Konzil, das vor genau 50 Jahren zu Ende gegangen war.

«Wenn wir heute durch die Heilige Pforte gehen, wollen wir auch an eine andere Pforte denken: an die Tür, welche die Konzilsväter vor fünfzig Jahren zur Welt hin aufgestossen haben», sagte der Papst. Das Konzil sei «ein neuer Aufbruch gewesen, um auf jeden Menschen dort zuzugehen, wo er lebt: in seiner Stadt, in seinem Haus, am Arbeitsplatz.» Diesen «missionarischen Impuls» müsse die Kirche heute wieder aufnehmen, betonte Franziskus.

«Durch die Heilige Pforte zu schreiten, bedeutet, die Tiefe der Barmherzigkeit des Vaters zu entdecken, der alle aufnimmt und jedem persönlich entgegen geht», betonte der Papst.

Gott und seiner Gnade werde Unrecht getan, wenn man behaupte, dass die Sünden durch sein Gericht bestraft würden, statt allem voranzustellen, dass sie von seiner Barmherzigkeit vergeben würden.

Die vergebende Liebe Gottes kenne keine Grenzen. Tatsächlich führen in den Jubeljahren eine Pilgerreise nach Rom und das Durchschreiten der Heiligen Pforte zu einem Ablass der Sündenstrafen; daneben sind aber auch noch Beichte, Glaubensbekenntnis, Kommunion sowie ein Gebet für den Papst erforderlich.

Die erste Heilige Pforte hatte der Pontifex aus Argentinien schon Ende November anlässlich seiner Afrikareise in Bangui, der Hauptstadt der vom Bürgerkrieg zerrissenen Zentralafrikanischen Republik, aufgestossen.

Das war einerseits eine Geste der Solidarität an das extrem arme Land gewesen, andererseits war es auch Programm: Erstmals in der Geschichte der katholischen Kirche soll das Heilige Jahr nach dem Willen des Papstes nicht nur in Rom, sondern auf der ganzen Welt gefeiert werden.

Deshalb werden die Bischöfe der Ortskirchen auch die Heiligen Türen der Kathedralen und Wallfahrtskirchen ihrer Diözesen öffnen. Und: Das Jubiläumsjahr soll auch in den Spitälern, Altenheimen und Gefängnissen gefeiert werden. «Jede Gefängnistür kann zu einer Heiligen Pforte werden», sagte der Papst.

Die Eröffnung des Heiligen Jahres durch den Papst war überschattet von der Terrorangst; die nasskalte Witterung mit Nieselregen passte zur gedämpften Stimmung. An den Eingängen zur Piazza waren Dutzende Metalldetektoren aufgestellt worden; auch Nonnen und Ordensschwestern wurden nicht vor der Durchsuchung ihrer Taschen verschont.

An jeder Ecke standen Soldaten und Polizisten, auf den Dächern lagen Scharfschützen, der Luftraum über Rom wurde geschlossen und soll es während des gesamten Heiligen Jahres bleiben.

Terrorangst: 20 Millionen weniger
Ursprünglich waren im Verlauf des Jubiläumsjahres über 30 Millionen Pilger in Rom erwartet worden – nun rechnen die Verantwortlichen noch mit etwa 10 Millionen. Die freundlichen, aber rigorosen Zugangskontrollen hatten den Menschenstrom zum Petersplatz erheblich verlangsamt – bis zum Angelusgebet des Papstes am Mittag hatte sich die Piazza dann aber doch noch gefüllt, sodass am Ende wohl gegen 100'000 Pilger Einlass gefunden hatten.

Das sind aber immer noch höchstens ein Drittel der Massen, die üblicherweise zu derartigen Grossanlässen nach St. Peter strömen. Auch Franziskus hatte in seiner Messe die Terrorangst thematisiert: «Lassen wir jede Form von Angst und Furcht hinter uns, denn das passt nicht zu dem, der geliebt wird; erleben wir vielmehr die Freude über die Begegnung mit der alles verwandelnden Gnade», ermunterte der Papst die Pilger.

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