Die Kandidatur löste Panik aus: zu extrem, zu unbeliebt bei den Medien, einfach unwählbar, so warnten die alten Haudegen. Der Partei drohe die Auslöschung, denn Wahlen könne man nur als Partei der Mitte gewinnen.

Die Rede ist von den britischen Torys im Jahr 1974, als Margaret Thatcher sich anschickte, Parteichefin zu werden. Genau die gleichen Töne hört man jetzt von der alten Garde bei New Labour. Zunächst hatte man die Kandidatur von Jeremy Corbyn vom linken Parteiflügel gar nicht ernst genommen, er selbst wohl auch nicht. Doch seine Kampagne nahm schnell Fahrt auf, seine Wahlveranstaltungen waren gut besucht, bei Umfragen legte er Woche um Woche zu. Am Freitag, wenn das Wahlergebnis verkündet wird, ist er höchstwahrscheinlich neuer Labour-Chef und Oppositionsführer. 

Es wird auch Zeit, dass es eine Opposition gibt, die den Namen verdient. Labour hat die Wahlen im Mai ja nicht verloren, weil ihr Kandidat Ed Miliband zu links war. Er führte die Politik von Tony Blair fort, der seiner Partei konservative Werte und eine konservative Sprache aufgenötigt hatte. Miliband ist für eine Austeritätspolitik eingetreten, er wollte den Sozialhaushalt genauso kürzen, wie die Torys es jetzt tun. Warum hätte man die Kopie wählen sollen, wenn man auch das Original haben konnte?

Blair und seine Gefolgsleute warnen, dass man Wahlen nur dann gewinnen kann, wenn man in der Mitte des politischen Spektrums steht. Der politische Kommentator George Monbiot meint aber, dass es diese Mitte gar nicht gebe. Je mehr man sich ihr von links nähere, desto mehr bewege sie sich nach rechts.

Alles ausser Blair

Blairs Intervention bei der Wahl zum Parteichef ist hilfreich für Corbyn. Blair ist in seiner eigenen Partei inzwischen so verhasst, dass viele erst recht denjenigen wählen, von dem Blair abrät. Wenn er behauptet, die Labour Party werde durch Corbyn ausgelöscht, verkennt er die Zahlen. Die Partei hatte zum Ende seiner Amtszeit 200 000 Mitglieder weniger als bei seinem Amtsantritt. Seit Milibands Rücktritt und Corbyns Kandidatur sind mehr als 400 000 Menschen in die Partei eingetreten oder haben sich als Unterstützer registrieren lassen. Ein Drittel davon ist unter 30. Und nur die wenigsten sind Leser des «Daily Telegraph», der dazu aufgerufen hatte, sich als Labour-Unterstützer registrieren zu lassen und Corbyn zu wählen, um Labour zu zerstören.

Verheerende Sozialpolitik

Es sind Menschen, die vor den Torys Angst haben, und das zu recht. Seit die Partei alleine regiert, muss sie keine Rücksicht mehr auf einen Koalitionspartner nehmen, sondern kann ihre Umverteilungspolitik von Arm zu Reich ungeniert durchsetzen. Der Minister für Arbeit und Renten, Duncan Smith, hat zum Beispiel mit seinen fatalen «Reformen» viele Menschen in Not und Elend gestürzt, viele sogar in den Tod. Jeden Monat sterben 90 Menschen, kurz nachdem ihnen das Krankengeld gestrichen worden ist, weil Ärzte sie als arbeitsfähig erklärt haben – dies ist nur ein Beispiel einer Sozialpolitik, die diesen Namen eigentlich nicht verdient.

Klassischer Sozialdemokrat

Vor allem junge Menschen in Grossbritannien aus den unteren Schichten stehen vor einer ungewissen Zukunft. So ist es nur folgerichtig, dass jemand mit radikalen Ideen Oberwasser bekommt. Überraschend ist lediglich, dass es ein 66-jähriger mit grauem Bart und Schiebermütze ist, der seit mehr als 30 Jahren im Parlament sitzt.

Und so radikal sind seine Vorstellungen gar nicht. Er ist gegen Austeritätspolitik, für die Verstaatlichung der Eisenbahn und der Wasserversorgung und gegen Atomwaffen. Im Grunde ist er ein alter Sozialdemokrat. Er sagt selbst, dass er in Deutschland wohl kaum als Linker durchgehen würde. Es ist bezeichnend für den Zustand der Labour Party, dass so einer Angst und Schrecken verbreitet, sodass man ihm mit Diffamierungen zu Leibe rücken will. Er sei ein Antisemit, ist einer der Vorwürfe, weil er mit Vertretern von Hamas gesprochen hat. Blair hat den Hamas-Chef Khaled Mish’al viermal seit April getroffen.

Ob Corbyn die Parlamentswahlen gewinnen kann, ist ungewiss. Aber er hat bessere Chancen als Andy Burnham, Yvette Cooper und Liz Kendall, die gegen ihn angetreten waren – allesamt aus Blairs Lager und unfähig, die Parteibasis zu mobilisieren. Doch selbst wenn Corbyn 2020 verliert, kann er die Labour Party und die politische Kultur neu beleben. Er kann die britische Politik insgesamt wieder etwas nach links rücken, um eine wirkliche Wahlmöglichkeit zu bieten und den Boden für echte politische Debatten zu bereiten. Deshalb ist es wünschenswert, dass er morgen Labour-Chef wird.