Kriminalität

Der «Mafia Capitale» wird in Rom der Prozess gemacht

Carabinieri vor dem Justizpalast in Rom, in dem der «Mafia Capitale» der Prozess gemacht wird.

Carabinieri vor dem Justizpalast in Rom, in dem der «Mafia Capitale» der Prozess gemacht wird.

Auftakt zum Mega-Prozess gegen 46 Mitglieder der «Mafia Capitale» in Rom. Sie hatten die Ewige Stadt unterwandert. Jetzt stehen sie vor Gericht – gebessert hat sich trotzdem nichts.

Als Kopf der «Mafia Capitale» gilt der ehemalige Rechtsterrorist Massimo Carminati, genannt «der Einäugige». Den Übernamen verdankt er seiner Augenbinde: In den Achtzigerjahren war Carminati bei einem Fluchtversuch von einer Polizeikugel am linken Auge getroffen worden.

Einäugiger neofaschistischer "Pirat von Rom" als Hauptangeklagter der "Mafia Capitale" vor Gericht

Einäugiger neofaschistischer "Pirat von Rom" als Hauptangeklagter der "Mafia Capitale" vor Gericht

Der heute 57-jährige Ex-Terrorist war damals führendes Mitglied der neofaschistischen «Nuclei Armati Rivoluzionari» («Bewaffnete revolutionäre Zellen», NAR) gewesen, die für 30 politische Morde verantwortlich gemacht wurden.

Mafia Capitale: hier sehen Sie die Bilder der Verhaftung von Massimo Carminati.

Mafia Capitale: hier sehen Sie die Bilder der Verhaftung von Massimo Carminati.

Kuh füttern, bevor man sie melkt
Die Nummer 2 der «Mafia Capitale», Salvatore Buzzi, stammt aus dem entgegengesetzten politischen Milieu, jenem der linken Genossenschaften. Diese sind immer dann gefragt, wenn mit Millionenbeträgen Sozialwohnungen gebaut, Flüchtlingsheime betrieben oder andere öffentliche Aufgaben wahrgenommen werden.

Buzzis Genossenschaften kamen in Rom in den letzten Jahren auffallend oft zum Zug.

«Wenn du eine Kuh melken willst, musst du ihr vorher zu fressen geben», beschrieb er einmal in einem von der Polizei abgehörten Telefongespräch sein Geschäftsmodell. Laut der Staatsanwaltschaft schmierten Buzzi und Carminati reihenweise Stadtpolitiker und Chefbeamte – und erhielten dafür im Gegenzug die gewünschten Millionenaufträge.

Tatsächlich befinden sich unter den 46 Angeklagten der ehemalige Römer Stadtrat für Wohnungsbau, der ehemalige Fraktionschef der Forza Italia und der Stabschef des früheren Bürgermeisters Walter Veltroni.

Einzelne der gekauften Politiker und Beamten erhielten von Buzzis Kooperativen regelrechte Monatslöhne von bis zu 5000 Euro. Angeklagt ist auch der ehemalige Bürgermeister Gianni Alemanno; sein Prozess ist jedoch vom Hauptverfahren abgetrennt worden.

Alemanno, der von 2008 bis 2013 auf dem Römer Kapitolshügel regiert hatte, ist ein Gesinnungsfreund des einäugigen Carminati: Auch der Ex-Bürgermeister hat eine Vergangenheit als neofaschistischer Schläger vorzuweisen.

Unter Alemanno war die «Mafia Capitale» besonders gut gediehen: In seiner Amtszeit als Bürgermeister hatte er Hunderte von Freunden und Verwandten bei den Stadtbetrieben untergebracht, darunter auch Dutzende ehemaliger «Kameraden» aus der rechtsextremen Szene. Am Ende gab es in Rom kaum eine Amtsstube, die nicht unterwandert gewesen wäre.

Alle Vorwürfe «auf Sand gebaut»?
Das Römer Strafgericht wird die Frage beantworten müssen, ob es sich bei den in Rom vor einem Jahr aufgedeckten Zustände «nur» um eine systematische und allgegenwärtige Korruption handelt, also ganz einfach um einen unglaublichen Sumpf; oder ob sich auch in Rom eine richtige Mafia eingenistet hatte.

Der Staatsanwalt bejaht diese Frage, obwohl den Angeklagten keine Gewalttaten oder Einschüchterungen nachgewiesen werden können. Die Verteidiger erklären dagegen, der Mafia-Vorwurf sei «auf Sand gebaut» – ohnehin werde die gesamte Anklage im Lauf des Prozesses «in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus».

Ausser Frage steht, dass die «Mafia Capitale» nicht die alleinige Schuld am erbärmlichen Zustand des öffentlichen Dienstes in der Ewigen Stadt trägt.

Seit den beiden Verhaftungswellen im Dezember 2013 und im Juni 2014 ist keine Verbesserung eingetreten: Die meisten Parks sind weiterhin verwahrlost, die Strassen von Schlaglöchern übersät, Müll und Graffiti allgegenwärtig.

Der öffentliche Verkehr bricht alle paar Tage wegen technischer Defekte oder Bummelstreiks zusammen; von den 6000 Stadtpolizisten sind täglich im besten Fall 1000 im Dienst, in der Nacht durchschnittlich 105.

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