Sie wirkte wie eine stolze Grossmutter, als sie am Donnerstag im Versammlungssaal des Repräsentantenhauses in Washington ihren Amtseid ablegte – umgeben von einer Schar von Kindern, die für die Kameras Grimassen schnitten und sich nicht immer an die Regieanweisungen der Erwachsenen halten wollten.

Als jedoch eines der Kinder Besitz von dem Hammer ergreifen wollte, mit dem die alte und neue «Madam Speaker» nötigenfalls für Ruhe unter den 435 Abgeordneten in der grossen Kammer des Parlaments sorgen kann, da hörte für Nancy Pelosi der Spass auf. Kurzentschlossen ergriff sie Besitz von dem Machtinstrument und deponierte es auf ihrem Rednerpult.

Denn die 78-jährige Demokratin aus Kalifornien weiss, wie wichtig Symbole im täglichen Kampf um die Deutungshoheit in Washington sind. Und Pelosi mag in den Augen von Freund und Feind vieles sein – eine taktisch versierte Fraktionschefin, eine begabte Spendensammlerin, eine reichlich unbegabte Kommunikatorin, ein Feindbild des rechten Amerikas.

Sie ist aber insbesondere und vor allem eine machtbewusste Politikerin, vertraut mit sämtlichen Ritualen des männerdominierten Politbetriebs. «Niemand gibt dir Macht. Du musst sie ihnen wegnehmen», sagte Pelosi kürzlich im Gespräch mit dem Reporter Robert Draper.

Ihre Tochter Alexandra, die es als Dokumentarfilmerin zu Erfolg brachte, formulierte es auf dem Nachrichtensender CNN griffiger. Gefragt nach dem Erfolgsrezept ihrer Mutter, sagte sie: «Sie schneidet Ihnen den Kopf ab, und Sie werden nicht einmal bemerken, dass Sie bluten.»

Auch deshalb ist Pelosi diese Woche etwas geglückt, das zuvor nur sieben Männer (und keine einzige Frau) in der Geschichte der USA schafften: Sie kehrte auf den «Speaker»-Posten zurück und stieg damit erneut zur Nummer drei im Machtgefüge Washingtons auf, direkt nach dem Präsidenten und seinem Vize.

Dass der 78-Jährigen dieses Comeback gelang, ist auch deshalb aussergewöhnlich, weil es selbst in ihren Reihen zahlreiche Politiker (und Politikerinnen) gibt, die finden, es sei Zeit für eine neue Generation von Demokraten an der Spitze der Fraktion im Repräsentantenhaus. Aber Nancy D’Alesandro Pelosi, wie sie mit vollem Namen heisst, lässt sich nicht diktieren, wann sie in den Ruhestand treten muss.

Auf Augenhöhe mit Trump

Deshalb rappelte sich die Volksvertreterin aus San Francisco auf, als die Demokraten im Jahr 2010 die Mehrheit im Repräsentantenhaus einbüssten und Pelosi den «Speaker»-Hammer an den Republikaner John Boehner übergeben musste. Sie hielt am Vorsitz ihrer Fraktion fest, den sie seit 2003 innehat, und wies Kritik an ihrem Führungsstil zurück. Stattdessen sprach sie darüber, dass ihre Widersacher keine Ahnung von der Materie hätten. Dies klingt zwar angeberisch, ist aber nicht ganz falsch.

Pelosi ist eine sehr talentierte Stimmenzählerin. Noch heute sind Politbeobachter verzückt, wenn sie erzählen, wie es Pelosi während ihres ersten Gastspiels als «Madam Speaker» von 2007 bis 2011 gelang, sämtliche Fraktionen ihrer Partei zufriedenzustellen und komplexe Gesetzespakete wie die Reform des Gesundheitswesens («Obamacare») durchs Parlament zu bugsieren.

Letztlich verdankt Pelosi ihr Comeback aber auch dem Bewohner des Weissen Hauses. Die Demokraten wissen, dass sie Präsident Donald Trump (72) die politische Bühne in Washington nicht überlassen können – dass sie aber im Rest des Landes nicht den Eindruck erwecken dürfen, der linke Parteiflügel habe das Kommando übernommen.

Als Pelosi diese Woche gefragt wurde, ob sie der Meinung sei, sie begegne Trump auf Augenhöhe, antwortete sie gemäss der «New York Times»: So jedenfalls stehe es in der amerikanischen Verfassung, in der festgehalten ist, dass Exekutive und Legislative gleichwertige Rollen spielen. Sie hoffe deshalb, dass ihre männlichen Kollegen ihr künftig wieder mehr Gehör schenkten und ganz allgemein weibliche Politiker besser behandeln würden, sagte Pelosi.

Nötigenfalls werde sie ihre Gesprächspartner daran erinnern, dass sie sich im Besitz des «Speaker»-Hammers befinde. «Der Hammer macht einen grossen Unterschied.»