Kim Jong Un hat alles bekommen, was er wollte. Donald Trump indes nicht mehr als dieselben vagen Zusicherungen, die Nordkorea seit Jahrzehnten absondert. Trump hat es gekauft. Und Kim hat – ohne irgendetwas aufzugeben – die Bilder erhalten, die er wollte: Nordkoreas grosser Führer auf Augenhöhe mit dem Präsidenten der USA. Dass dem im Grossen und Ganzen substanzlosen Abkommen von Singapur gehaltvolle Schritte folgen, ist freilich nicht ausgeschlossen. Doch so lange das nicht geschieht, bleibt dieser Eindruck vom lange erwarteten Treffen: Der Gipfel von Singapur ist Kim Jong Uns Meisterstück.

Das Treffen mit Trump samt Abschlusserklärung ist aber noch mehr: eine Anleitung nämlich, die jedem weniger wichtigen Herrscher, Schurken und Diktator diese eine Frage beantwortet: Wie werde ich zu einer ernstzunehmenden Figur der Weltpolitik? Das Fundament legten Kims Vater und Grossvater mit ihrer Zielstrebigkeit. Heute früh in Singapur hat es Kim Jong Un vollendet. 

Wie hat er das geschafft? Ein Leitfaden für angehende Diktatoren: in 10 Schritten zum Herrscher von Weltrang

Schritt eins: Baue eine Atombombe und dazu passende Langstreckenraketen.

Nordkorea verkündet erfolgreichen Atombombentest

9.9.2016: Nordkorea verkündet erfolgreichen Atombombentest

North Korea verkündet einen erfolgreichen Atombombentest. Zuvor war ein Erdbeben von der Stärke 5 festgestellt worden. 

Schritt zwei: Bleibe standhaft, auch wenn dein Volk hungert. Wie du mit den Menschen in deinem Land umgehst, spielt keine Rolle, denn wenn du erstmal im Besitz von Atomwaffen bist, sind Menschenrechtsverletzungen das Letzte, worauf du angesprochen wirst. Stecke also ruhig den kritischen Teil der Bevölkerung in Gulags.

Schritt drei: Schliesse Deals hinter dem Rücken der Weltgemeinschaft, sodass dich deine Nachbarn trotz internationaler Sanktionen mit dem Wichtigsten versorgen.

Schritt vier: Wenn du eisern geblieben bist, dann verfügst du jetzt über eine nukleare Abschreckung. Glückwunsch! Du bist fast am Ziel.

Trump droht Nordkorea mit der totalen Vernichtung.

21.9.2017: Trump droht Nordkorea mit der totalen Vernichtung.

Schritt fünf: Jetzt wird es knifflig, denn beim letzten Schritt bist du auf Hilfe angewiesen. Um die Abschreckung komplett zu machen und gleichsam deinem Volk zu beweisen, dass es nicht umsonst Hunger leidet, sondern zu Recht immer an dich, grosser Führer, geglaubt hat, fehlt die internationale Anerkennung. Die USA sind das mächtigste Land der Welt. Wenn du mit denen auf Augenhöhe bist, dann bist du am Ziel. Hoffe also, dass du einen US-Präsidenten erwischst, der nicht nur egozentrisch und überheblich ist, sondern sich auch nicht sonderlich um Fakten und Geschichte schert. Einen, der zu Hause derart viele Probleme hat, dass er auf aussenpolitische Erfolge angewiesen ist. Einen, der sämtliche verbündete Demokratien ohne Not vor den Kopf stösst – und sich lieber mit Diktatoren zeigt. Einen wie Donald Trump. Unterbreite ihm ein Gesprächsangebot – er wird darauf eingehen.

Schritt sechs: Bleibe sensibel. Schreibe einen Brief und stecke ihn in ein übergrosses Couvert, falls nötig. Tue alles, dass er nicht kurzfristig abspringt.

Historischer Handschlag zwischen Trump und Kim

Der historische Handschlag zwischen Trump und Kim

   

Schritt sieben: Der Rest ist ein Heimspiel für dich. Mach es wie dein Vater und dein Grossvater vor dir: Versprich einfach, dass du abrüstet. Aber bleibe möglichst vage in der Formulierung. Nutze einen Begriff wie „Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel“. Bis die Gegenseite verstanden hat, dass das für dich etwas völlig anderes bedeutet wie für sie, hast du die schönen Bilder vom persönlichen Treffen längst im Sack.

Schritt acht: Freilich hältst du dich nicht an deine Versprechungen, aber was soll dir schon passieren? Du hast ja deine Atomwaffen. Gib die bloss nicht aus der Hand, egal was sie dir versprechen.

Schritt neun: Lächle für das Foto, das dich zu einem Herrscher von Weltrang erhebt.

Donald Trump und Kim Jong Un in Singapur

    

Schritt zehn: Vollziehe Schritt eins bis neun so schnell wie möglich, denn die Hoffnungen, dass nach Trump ein ernstzunehmender Präsident ins Weisse Haus zu Washington einzieht, sind hoch. Und ein solcher würde sich wohl kaum ohne jegliche substanzielle Gegenleistung deinerseits für eine Krönungszeremonie wie in Singapur hergeben.

Trump und Kim unterzeichnen Vereinbarung vor TV-Kameras

Trump und Kim unterzeichnen Vereinbarung vor TV-Kameras

US-Präsident Donald Trump sprach von einer "fantastischen Begegnung" mit Kim Jong Un, bei der es "viele Fortschritte" gegeben habe.