Mossul

Darum beteiligen sich die Kurden an der Offensive gegen den IS

Mit ihrer Beteiligung an der Offensive gegen den IS wollen die irakischen Kurden auch verloren gegangenes Prestige zurückgewinnen.

Gestern Nachmittag stand Karakosch kurz vor der Befreiung. Kurdische Peschmerga-Kämpfer hatten in den frühen Morgenstunden die meisten IS-Terroristen aus der Kleinstadt vor den Toren von Mossul vertreiben können. Auch in Bartalla konnten die Dschihadisten dem Druck der Kurden nicht standhalten. Das war nicht immer so. In Bartalla und Karakosch lebten bis zum Juni 2014 über 80 000 chaldäische und syrisch-orthodoxe Christen. Als der IS Mossul einnahm und die dort stationierten irakischen Armee-Einheiten kapitulierten, zogen sich auch die kurdischen Peschmergas kampflos aus fast allen Ortschaften der Niniveh-Ebene zurück. In Sindschar wurden die Jesiden der Willkür der islamistischen Terrorbanden ausgeliefert.

Etwa 9000 Peschmergas flüchteten im Sommer 2014 vor dem IS. Ihre Kapitulation beschädigte den Mythos vom heldenhaften Kurden-Peschmerga, der «furchtlos dem Tod ins Auge sieht». Tatsächlich waren die Truppen der Kurden damals weitaus schlechter ausgerüstet gewesen als die IS-Milizen, die in Mossul modernste amerikanische Waffen erbeutet hatten. Dank Unterstützung aus den USA, Frankreich und Deutschland konnte der waffentechnische Rückstand der irakischen Kurden inzwischen aber ausgeglichen werden.

Die wichtigste Voraussetzung für ihre Teilnahme an der Mossul-Offensive, bei der auch das verloren gegangene Prestige zurückgewonnen werden soll, war damit geschaffen. In der Schlacht um Mossul geht es für die irakischen Kurden auch um politische Anerkennung. Bereits im Februar dieses Jahres hatte der Präsident des seit 1992 autonomen irakischen Kurdistan, Massud Barzani, ein Referendum über einen unabhängigen Kurdenstaat gefordert.

Die richtige Zeit, das kurdische Volk über seine Zukunft entscheiden zu lassen, sei jetzt gekommen, verkündete er jetzt auf seiner Homepage. Die Abstimmung, die ursprünglich noch vor den Präsidentschaftswahlen in den USA stattfinden sollte, würde Barzani vor allem innenpolitisch nutzen: Die Amtsperiode des 69-jährigen Politikers, dem seine politischen Gegner Korruption und Vetternwirtschaft vorwerfen, war schon im August letzten Jahres abgelaufen. Mit dem Hinweis auf den Konflikt mit dem IS weigert er sich jedoch beharrlich, seinen Posten zu räumen. In der gegenwärtigen Lage, betonen seine Mitarbeiter, würden Wahlen oder ein Regierungswechsel das von einer schweren Wirtschaftskrise erschütterte irakische Kurdistan unnötig stabilisieren. Die Mossul-Offensive würde Barzani freilich nur dann in die Karten spielen, wenn nach der Vertreibung des IS im Nord-Irak wieder Frieden und Stabilität einkehrt. Dafür gibt es bislang allerdings wenig Anzeichen.

Der Streit um das noch längst nicht erlegte Fell des Bären hat schon vor Monaten begonnen. Dabei versuchen sich die irakischen Kurden als Fürsprecher einer «autonomen Provinz mit christlicher Mehrheit» in der Niniveh-Ebene zu profilieren. Die kurdischen Peschmerga-Milizen sollen Schutzherren sein, was die Zentralregierung in Bagdad kategorisch ablehnt. Mehr als Autonomie will der irakische Premierminister Haidar al-Abadi den irakischen Kurden nicht zubilligen. Auch die Obama-Administration war nicht bereit, die Kurden für ihre Beteiligung am Krieg gegen den IS mit einem unabhängigen Staat zu belohnen. Die Kurden hoffen daher, dass sich diese Haltung nach dem Amtswechsel in Washington ändert.

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