Polen

Danziger Bürgermeister erliegt Hassverbrechen: «Man hat ihn nicht retten können»

Pawel Adamowicz wurde bei einer regierungskritischen Spendenveranstaltung mit Messerstichen attackiert. Nun ist er seinen Verletzungen erlegen.

Polen befindet sich im Schockzustand. Grund ist ein Mordanschlag gegen den landesweit bekannten Danziger Bürgermeister. Pawel Adamowicz erlag den tödlichen Verletzungen nach stundenlangem Kampf am Montagmittag. Zuvor hatten sich erstmals seit der Hiobsbotschaft vom Flugzeugabsturz von Smolensk im April 2010 die beiden bitter verfeindeten politischen Lager teilweise zu Solidaritätsaufrufen zusammengerauft.

Für die regierende Kaczynski-Partei PiS war der liberale und weltoffene Adamowicz einer der meistgehassten Politiker. Die PiS-Hasspredigten könnten den Mörder inspiriert haben. Die Mordtat war öffentlich und wurde vom Lokalfernsehen am Sonntagabend teilweise übertragen. «Die liberale Bürgerplattform hat mich gefoltert, deshalb musste Adamowicz sterben!», schrie der Messerstecher unmittelbar nach der Tat in ein Mikrofon.

Zuvor hatte er sich bei einer öffentlichen Spendenaktion auf eine Freilichtbühne vorgedrängt und mit einem Messer mehrmals auf Adamowicz eingestochen. «Ich sass im Gefängnis, die PO ist daran schuld», sagte der 27-jährige Danziger, dann liess er sich ohne Widerstand festnehmen. Der Mann soll offenbar wegen Banküberfällen mehrere Jahre gesessen haben; noch wird seine Zurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt abgeklärt. Währenddessen wurde der schwerstverletzte Bürgermeister in ein Spital transportiert und dort fünf Stunden lang notoperiert.

Ungewöhnlich schnell und neutral reagierten regierungstreue Nachrichtenportale wie auch das gleichgeschaltete Staatsfernsehen. Monatelang hatten sie Hasstiraden über den oppositionellen Bürgermeister geschüttet, der Danzig zur «freien Stadt» ohne rechtsnationale Hetze gegen Ausländer, Liberale und Freigeister erklärt hatte.

Auch in der Auseinandersetzung um das international hochgelobte «Museum des Zweiten Weltkriegs», das für die PiS zu wenig patriotisch ist, legte sich Adamowicz immer wieder mit der Regierung an. Nun riefen aber alle PiS-treuen Medien zur Besinnung, zur Beendigung des Bruderkriegs zwischen PiS und PO und zum Gebet für Pawel Adamowicz.

Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass Adamowicz mit seinem öffentlichen Auftritt unweit des «Langen Marktes» in der Danziger Innenstadt eine Spendenorganisation unterstützen wollte, die von der Kaczynski-Regierung seit der Machtübernahme von 2015 nicht minder hart angegriffen wird wie der Bürgermeister selbst.

Polens grösste Spenden-Konzertaktion WOSP gilt den Rechtsnationalisten als suspekt, weil deren an sich völlig unpolitischer Gründer, der einstige Musikpromoter Jerzy Owsiak offen zu seiner liberalen Weltanschauung steht und er sich von der liberalen Opposition immer mehr vereinnahmen liess. So war es klar, dass Adamowicz beim Danziger WOSP-Abschlussskonzert wohl auftreten würde, nicht aber dessen PiS-Herausforderer bei den gerade von Adamowicz haushoch gewonnenen Lokalwahlen.

Opfer eines Bruderkrieges

Der antikommunistische Ex-Dissident Adamowicz war seit 20 Jahren Bürgermeister von Danzig. Zuerst 15 Jahre für die liberale Bürgerplattform (PO), danach als liberaler Unabhängiger. Bei den Bürgermeisterwahlen vom November trat er gegen den Willen der PO an, die mit Lech Walesas jüngstem Sohn Jaroslaw einen eigenen Kandidaten aufstellte. Zur Last gelegt wurden ihm unklare Immobiliengeschäfte in einer bekannten Luxussiedlung in der Danziger Bucht. Adamowicz hinterlässt eine Frau und zwei minderjährige Töchter.

In einer breit angekündigten Sonderaktion entsandte die Kaczynski-Regierung am Montag noch vor der Todesnachricht ein Regierungsflugzeug, um Adamowiczs Familie aus dem Urlaub in London nach Danzig zurückzufliegen. Auch wurde der Gesundheitsminister sofort nach Danzig entsandt. Diktiert wurde dieses Engagement der erklärten Adamowicz-Feinde von der öffentlichen Meinung, die sich 2019 immer mehr gegen die Polarisierung Polens auflehnt.

Seit 15 Jahren wird die ganze Politik Polens vom Bruderkrieg zweier im Grunde konservativer Parteien – der heute regierenden PiS und der oppositionellen PO des EU-Ratspräsidenten Donald Tusk dominiert. Begonnen hatte der Kampf beim Zerfall der letzten polnischen Solidarnosc-Regierung im Sommer 2000.

Die beiden ehemaligen «Solidarnosc»-Aktivisten Tusk und Kaczynski gründeten damals je ihre eigene Volkspartei. Die PiS gab sich katholischer und konservativer, die PO weltoffener und liberaler. Im weltanschaulichen Fragen sind beide Parteien aber ähnlich kirchen-freundlich und homosexuellen-, flüchtlings- und Abtreibungsfeindlich.

Eine gegen die Post-Kommunisten gerichtete Vereinbarung von PO und PiS über eine gemeinsame Regierungsbildung im Herbst 2005 scheiterte am Streit über das Innen- und Justizministerium. Tusk hatte offenbar mit dem besseren Wahlresultat gerechnet, Kaczynskis Mannschaft holte indes mehr Stimmen. Es wurde keine gemeinsame Regierung gebildet und die Polen baden diese Entscheidung seit 12 Jahren aus.

Auf dem Altar dieses Bruderkrieges wurde nun der Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz geopfert. 2010 wurde bereits ein PiS-Büro in Lodz überfallen und ein Kaczynski-Anhänger niedergeschossen. Ob es nun wirklich zur Besinnung kommt, zeigen die nächsten Tage in Polen. Noch ist nicht einmal klar, ob alle Parteien gemeinsam an einem Schweigemarsch in der
Danziger Innenstadt teilnehmen.

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