Jair Bolsonaro

Brasiliens neuer Präsident: durchgeknallter Messias oder skrupelloser Familienpatriarch?

Der neue umstrittene Präsident: Jair Bolsonaro.

Der neue umstrittene Präsident: Jair Bolsonaro.

Die Brasilianer haben den ultrarechten Ex-Militär Jair Bolsonaro gewählt. Der neue Präsident liebt Uniformen und Macht.

Nun hat er es geschafft, der ehemalige Hauptmann, den seine Vorgesetzten mangels Disziplin nicht für eine militärische Laufbahn empfahlen. Der belächelte politische Hinterbänkler, der es in den Medien höchstens auf die vermischten Seiten brachte, irgendwo zwischen betrunkenen Unternehmersöhnchen und koksenden TV-Sternchen. Das Ausland ist fassungslos, sogar Frankreichs ultrarechte Politikerin Marine Le Pen findet Brasiliens neuen Präsidenten «geschmacklos», Agenturen schreiben vom «Trump Brasiliens» – und Jair Bolsonaro? Der kritisiert in der ersten Facebook-Ansprache die Presse, preist Gott und verspricht einen neoliberalen Staat. Dabei liest er fast linkisch vom Blatt ab – ganz anders als bei seinen Wahlveranstaltungen, wo er gerne beide Hände zu Pistolen formte und imaginär in die Menge feuerte.

Mit dem US-Präsidenten lässt er sich gerne vergleichen, aber rhetorisch schlägt der 63-jährige Trump um Längen. Aus der «kommunistischen UNO» will er austreten, den Kongress schliessen und Gewerkschaften verbieten. Er verteidigt Folter, will Homosexuelle mit Schlägen auf den rechten Weg bringen, Schwarze hält er für faul und Frauen für dekoratives Beiwerk – solange sie hübsch sind und die Klappe halten, denn sonst verdienten sie nicht, von ihm vergewaltigt zu werden. Seine Kritiker bezeichnen ihn als Faschisten und «Bolsonazi».

«Autoritär, geldgierig, irrational»

Das juckt ihn nicht. Angeeckt ist der ehemalige Fallschirmjäger sein ganzes Leben lang. Es ist zweifellos eine Leistung, trotzdem eine Wahl zu gewinnen. Die Mehrheit der Brasilianer nimmt Bolsonaros Sprüche auf die leichte Schulter und hofft, der grosse Mann mit den stechend blaugrauen Augen sorge endlich für Sicherheit und miste den korrupten Polit-Saustall aus. Sie sehen in dem grossen, rüstigen Rentner, der Jeans mit ausgelatschten Slippern und unförmigen Windjacken kombiniert, einen «Messias» – zumal der Katholik Bolsonaro mit zweitem Namen nicht nur so heisst, sondern auch bei jeder Gelegenheit Gott anruft. «Brasilien über alles, Gott über allen», lautet der Slogan, mit dem er sich auch die Gefolgschaft der einflussreichen evangelikalen Kirchen gesichert hat.

Geboren ist er 1955, aufgewachsen in einem Arbeiter-Vorort von São Paulo. Rassismus war dort Alltag; Schwarze hatten beispielsweise keinen Zutritt zum örtlichen Sportklub. Seine Eltern stammten von italienischen Einwanderern ab, sein Vater war Selfmade-Zahnarzt. Jair war das dritte von sechs Kindern, benannt nach einem damals bekannten Fussballer. Auch er selbst kickte gerne, erinnern sich Klassenkameraden. Ehrgeizig, intelligent, aber ein wenig verrückt sei er gewesen, schildern sie der Zeitschrift «Epoca». Manchmal sei er nackt herumgerannt. Überliefert ist ausserdem seine Liebe zum Fischen – damit verdiente er sich als Teenager ein Taschengeld dazu.

Schon von klein auf faszinierten ihn Uniformen; in der Oberstufe schickten die Eltern den Sohn dann auf eine Militärakademie. Seine Vorgesetzten beurteilten ihn als «autoritär, übertrieben ehrgeizig, geldgierig, irrational und labil». 1988 wurde er in den Ruhestand geschickt. Dem voraus ging ein Prozess vor dem Obersten Militärgericht. Er war angeklagt, Attentate geplant zu haben, um Unruhe zu stiften und besseren Sold für die Truppe einzufordern. Das verschaffte ihm eine gewisse Popularität. Folgerichtig ging Bolsonaro daraufhin in die Politik, als eine Art Fürsprecher der Uniformierten. Sein Büro zieren noch heute Fotos von Folterknechten der Militärdiktatur.

Ein politischer Aussenseiter ist Bolsonaro nicht. Seit fast drei Jahrzehnten mischt er in der Politik mit, sass für neun verschiedene Parteien im Parlament. Dort brachte vor allem Vorschläge zur Erhöhung der Diäten, zur Verschärfung des Strafrechts und zur Lockerung des Waffengesetzes ein. Seine grösste Leistung: Er wurde bisher nicht wegen Korruption verurteilt. Doch ein Saubermann ist er keinesfalls. In klassischer nepotistischer Manier der brasilianischen Familienclans mischen auch sein Bruder Renato und drei seiner Söhne in der Politik mit. Seine dritte Frau, Michelle, machte er zu seiner Sekretärin – bis die Kongress-Aufsichtsbehörde sie absetzte, weil die Anstellung von Angehörigen verboten ist.

Familienvermögen vervielfacht

Von seiner ersten Frau, der Politikerin Rogéria, trennte sich Bolsonaro, weil sie «seinen politischen Vorgaben» nicht mehr folgte. Ihre politische Karriere sabotierte er, indem er den gemeinsamen, damals erst 17-jährigen Sohn Carlos als Gegenkandidaten aufbaute. Rogéria erklärte damals Journalisten, ihr Exmann habe einen Knacks. Die zweite Frau, Ana Cristina Valle, bezeichnete ihn als aggressiv. Im Streit um das Sorgerecht habe er gedroht, sie umzubringen, gab sie dem Konsul in Norwegen 2011 zu Protokoll, wohin sie sich damals geflüchtet hatte.

Beide Frauen bestreiten heute ihre Aussagen und machen Kampagne für ihren Exmann. Dafür gibt es offenbar gute Gründe: Das Vermögen des weit verzweigten Familienclans hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht und umfasst laut der Steuererklärung inzwischen 13 Luxus-Immobilien. Im Heimatort Eldorado, für den einer von Bolsonaros Söhnen als Abgeordneter im Parlament sitzt, gehören dem Clan Einkaufszentren, Lotteriestellen, Elektronik, Möbel-, Schuh- und Baugeschäfte. Besonders gute Beziehungen soll die Familie zur Bananen- und Agrarlobby hegen.

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