Grossbritannien

Boris Johnson triumphiert

Lief rund für ihn: Boris Johnson hat für die britischen Konservativen einen Erdrutschsieg eingefahren.

Lief rund für ihn: Boris Johnson hat für die britischen Konservativen einen Erdrutschsieg eingefahren.

Der konservative Premier hat einen Erdrutschsieg eingefahren. Klar ist: Grossbritannien verlässt die EU im Januar.

In der Stunde seines grössten Triumphes wandte sich Boris Johnson am Freitag an die Nation und besonders an jene, die zum ersten Mal konservativ gewählt hatten. «Vielleicht hat Ihre Hand gezittert, ehe sie Ihr Kreuz machten. Vielleicht wollen Sie beim nächsten Mal wieder für Labour stimmen», sagte Johnson all jenen, die sich zum ersten Mal seit Menschengedenken der linken Arbeiterpartei verweigert hatten. «Wir stehen demütig vor dem Vertrauen, das Sie uns geschenkt haben.»

Tags zuvor war ein politischer Sturm durchs Vereinigte Königreich gefegt. Wie erwartet, gaben die Briten dem Tory-Vorsitzenden ein klares Mandat für den EU-Austritt Ende Januar und für die fünf Jahre dauernde Legislaturperiode. Mit 43,6 Prozent der abgegebenen Stimmen (Stand: Freitagnachmittag) liessen die Konservativen die Oppositionspartei Labour (32,2 Prozent) unter Jeremy Corbyn und die Liberaldemokraten (11,5 Prozent) weit hinter sich. Besonders bitter für die Liberalen: Ihre Parteichefin Joanne Swinson verlor sogar ihr Mandat im schottischen Bezirk Dunbartonshire.

Das Mehrheitswahlrecht sorgte zum ersten Mal seit 2005 für eindeutige Verhältnisse: 364 Konservative sitzen zukünftig im Unterhaus neben lediglich 203 Labour-Vertreter und 11 Liberaldemokraten sowie einzelne Vertreter kleinerer Parteien.

Johnson verspricht den Briten einen «neuen Sonnenaufgang»

Johnsons Auftritt rief Erinnerungen wach an den Erdrutschsieg des Labour-Premiers Tony Blair (1997–2007). Wie der Sozialdemokrat damals sprach Johnson von einem «neuen Sonnenaufgang», wie Blair betonte er seine Verbeugung vor dem Volkswillen. Der Brexit, für den die Briten vor drei Jahren gestimmt hatten, sei die «unwiderlegbare Entscheidung des britischen Volkes», betonte der gelernte Journalist.

Am Rednerpodium des Premiers prangten die Wörter «The People’s Government», zu Deutsch: Regierung des Volkes. Das war wohl eine Anspielung auf eine althergebrachte Tradition der «One Nation Tories», die eine Partei für die ganze Nation sein sollte. Das klang verdächtig nach autoritären Demokratien wie Ungarn und Polen. Diese unappetitliche Variante des Boris Johnson, dünnhäutig, despotisch, war im Wahlkampf mehrfach zum Vorschein gekommen: Als der Regierungschef dem Chefinterviewer der BBC ein Interview verweigerte und anschliessend darüber sinnierte, ob die Rundfunkgebühr eigentlich noch zeitgemäss sei; oder als er einen islamistischen Terroranschlag sogleich zu einem Angriff auf die angeblich zu laxe Sicherheitspolitik von Labour nutzte.

Den EU-Austrittsvertrag wird der Premier noch vor Weihnachten im Parlament einbringen, den Termin 31. Januar werde er «ohne Wenn und Aber» einhalten. Den Umbau seines Kabinetts will er bis zum Februar vollziehen.

Während der 55-Jährige seine nächsten Regierungsschritte plant, tobt bei Labour die Diskussion über das schlechte Abschneiden bei der Wahl und die Nachfolge des einstigen Hoffnungsträgers Jeremy Corbyn. Er werde während einer Phase der Reflexion im Amt bleiben und nach der Wahl eines Nachfolgers zurücktreten, beteuerte der 70-Jährige. Johnson habe den Urnengang erfolgreich zu einer Brexit-Wahl gemacht, die eigentlich populären Labour-Vorschläge hätten in der Diskussion keine Rolle gespielt. Offenbar will die Parteilinke mit ihrer Verzögerungstaktik sicherstellen, dass ein «Corbynista», beispielsweise die wirtschaftspolitische Sprecherin Rebecca Long-Bailey, dem Vorsitzenden nachfolgt. Dieser musste sich für die geringste Mandatszahl seit 1935 harsche Kritik von früherer Parteiprominenz anhören: Corbyn könne «die Arbeiterschicht nicht einmal aus einer Papiertüte führen», schäumte Ex-Innenminister und Gewerkschaftsveteran Alan Johnson.

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