Kommentar

Auschwitz: Wenn aus einem Konzentrationslager ein Ferienziel wird

Das Konzentrationslager Auschwitz.

Das Konzentrationslager Auschwitz.

Millionen reisen zum Konzentrationslager. Der Boom hat auch mit dem sogenannt dunklen Tourismus zu tun.

75 Jahre ist es her, seit die Gefangenen im Konzentrationslager in Auschwitz auf den Todesmarsch geschickt wurden. Die Alliierten waren im Anmarsch. Als ein paar Tage später am 27. Januar gegen 15 Uhr sowjetische Einheiten das Konzentrationslager Auschwitz befreiten, waren nur noch die Schwächsten da.

Zwei Jahre später wurde in Auschwitz ein Museum als Gedenkstätte gegründet. Im Jahr 2001 besuchten eine halbe Million Menschen Auschwitz, 2007 war es eine Million, heute sind es nun über 2 Millionen. Die Touristen kommen aus der ganzen Welt. Sie reisen im Car an, stehen vor den Baracken Schlange, hören zu, schauen hin und bekommen irgendwann müde Beine und Hunger. Wie das halt so ist, wenn man als Tourist unterwegs ist.

Die Frage ist, warum Auschwitz nun ein boomendes Reiseziel ist.

Immer noch reisen viele Lehrpersonen mit ihren jugendlichen Schülern hin. In der Hoffnung, dass sie prägt, was sie sehen, und dass ihnen das Grauen so bewusst wird, wie es historische Erzählungen zwischen zwei Buchdeckeln nicht vermitteln können. Vielleicht verstehen einige danach, dass Menschen vieles ausblenden, verdrängen und später schönreden können, bloss um einer Ideologie zu folgen. Dass sie dafür über Leichen gehen. 1,1 Millionen Leichen im Falle des KZ Auschwitz.

Aber zugenommen hat nur die Zahl der Besucher von weit weg. Menschen aus Deutschland, Polen und England besuchen das Lager immer weniger. Und somit vermutlich auch weniger Schulklassen, denn diese kommen selten von sehr weit her.

Global aber können sich immer mehr Menschen weite Reisen leisten, und so könnte es sein, dass Auschwitz bloss im Zuge des globalen Tourismus boomt. Manche gehen hin, weil sie das Unglaubliche mit eigenen Augen sehen wollen. Man könnte auch sagen, Auschwitz sei ein Ort des Weltgeschehens wie andere auch. Und dass man deshalb das Vernichtungslager sehen will.

Aber da ist noch mehr. Auschwitz ist wie Tschernobyl oder der Ground Zero in New York ein Hauptreiseziel des Dark Tourism, des Dunklen Tourismus. Orte des Schreckens üben auf Menschen eine Faszination aus. Es lässt sich nicht vermeiden, dass einige Besucher aus Voyeurismus kommen und sich schlicht gerne gruseln. Ja, es ist geschmacklos, wenn Leute in den Gaskammern kichern oder ein Selfie vor dem Krematorium auf Instagram stellen. Und es hat etwas zu Leichtfertiges, wenn die Besucher nach zwei, drei Stunden wieder in den klimatisierten Car steigen und zum nächsten Reiseziel fahren.

Andererseits ist es normal, dass sich heute immer mehr Leute hin getrauen, denn die Zeit hat Distanz geschaffen und das Geschehene erschüttert die zweite und dritte Generation weniger. Und umso wichtiger ist es gerade, dass jene, welche nach dem Holocaust zur Welt kamen, das KZ besuchen.

Denn letztlich ist es egal, aus welchen Gründen man Auschwitz besucht. Selbst dann, wenn man es bloss tut auf der Jagd nach Emotionen. Bei wohligem Gruseln und einer morbiden Faszination wird es bei den Wenigsten bleiben. Jedenfalls berichten Guides, welche die Besucher durch das KZ führen, dass immer wieder Besucher aus einem Raum flüchten.

Zum Beispiel dort, wo auf Fotos ausgemergelte Körper zu sehen sind. Oder in einer Vitrine übrig gebliebene Babykleider. Am schwersten sei der Anblick der abgeschnittenen Haare zu ertragen, welche an Textil- und Teppichfabriken verkauft wurden.

Wir von der zweiten Generation nach dem Holocaust haben schon viel gesehen auf unseren Bildschirmen. Aber verstehen wir wirklich, was ganz normale Menschen taten? Und es wieder tun könnten? Auschwitz kann das bewusst machen.

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